Soziale Frage als Systemfrage

13. März 2009, 19:11
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Fast könnte man glauben, chinas autoritärer Kapitalismus wäre dem freiheitlichen Wirtschaftsmodell überlegen

Es war ein ruhiger Volkskongress, den Chinas Führung vergangene Woche in Peking abgehalten hat. Große Entschlossenheit zeigten die Parteikader nur in der Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Wo die Regierungen in vielen westlichen Demokratien wie in Schockstarre auf den Niedergang schauen, handeln die Chinesen mit planwirtschaftlichem Eifer und zentral gelenkter Wirtschaftspolitik. Fast könnte man glauben, ihr autoritärer Kapitalismus wäre dem freiheitlichen Wirtschaftsmodell überlegen.

Viel deutet darauf hin, dass die hunderte Milliarden Dollar schweren Maßnahmen Pekings wirken. Der Rohstoffverbrauch in China steigt in einigen Bereichen wieder, die Frachtraten der Containerschiffe ebenso. Die staatlich gelenkten chinesischen Banken haben kaum giftige Wertpapiere in ihren Büchern, und Infrastrukturprojekte binden in der Volksrepublik - im Gegensatz zu westlichen Industriestaaten - tatsächlich noch Heere von Arbeitskräften.

Auf der anderen Seite ist das chinesische Modell von einer einzigen Zahl abhängig, jenen acht Prozent Wirtschaftswachstum, die Peking jedes Jahr braucht, um nicht an Beschäftigung zu verlieren. Erreicht die chinesische Wirtschaft diesen Wert über längere Zeit nicht, wird es selbst für die härtesten Kader schwer werden, soziale Unruhen im Milliarden-Volk zu unterdrücken. Abermillionen kaum versorgter Arbeitsloser sind für das System wesentlich gefährlicher als etwa ein paar renitente Tibeter. Die soziale Frage, ausgerechnet, macht den Kommunistenkapitalismus verwundbar, viel mehr, als es westliche Länder je sein werden. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.3.2009)

 

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