Untergebracht statt eingesperrt in der Vollzugsanstalt Göllersdorf

13. März 2009, 19:20
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In der Vollzugsanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher in Göllersdorf spricht man von Patienten statt von Inhaftierten - Anspruchsvolle Therapie und bleierne Lethargie prägen den Alltag

Es ist Mittagspause. Das Wagerl mit den Mittagessen in Wärmebehältern rattert über die eierschalenfarbenen Steinplatten des langen Gangs. Auf Station 2 B wartet man. Nicht aufgeregt. Am Stationseingang sitzt ein älterer Mann mit Hut, gespickt mit langen Fasanenfedern, mit patinierter Lederhose, Schlapfen mit weißen Farbspritzern vom letzten Malereinsatz. Er stiert in den Boden, hebt gelegentlich den Blick. Er findet nichts, was ihn länger als ein paar Sekunden fesselt.

Ein jüngerer breiter Kerl steht mit unverwandt neugieriger Miene bei der Stippvisite der Anstaltsleitung Spalier. In einem Raum mit Glaswänden, der in die Mitte der Station gebaut ist, wird von der Pflegerin eine Spritze aufgezogen. Ein paar Patienten drücken die Nasen an die Scheiben. "Deshalb nennen wir es auch Aquarium", erklärt der Stationsleiter, der sogleich stolz die eben umgebaute Stationsküche präsentiert.

Frischgewaschene Wäsche

In der gegenüberliegenden Ecke steht ein Wäscheständer mit frischgewaschener Wäsche auf dem abgetretenen Linoleumboden. "Was geht, machen wir selber."

Es ist März. Ein paar grüne und rote Papierschlangen haben vor kurzem die Weihnachtsdekoration abgelöst und sind die einzigen Farben im Ocker-Gelb-Grau der Inneneinrichtung und im Grau des trüben Vorfrühlings von draußen.

Im Fernseher des Aufenthaltsraums, der hinter dem "Aquarium" liegt, läuft der Vorspann zu Baywatch. Carmen Electra holt gerade tief Luft. Der rote Badeanzug hebt sich. Die Männer schauen mäßig interessiert. Die Spritze im Glaskabäuschen interessiert mehr.

Die Stimmung ist lethargisch, ein wenig dumpf. Wie draußen, wenn sich Männer ohne konkrete Absicht an einer Straßenecke oder in Wirtshäusern an Stammtischen sammeln und auf irgendetwas Unbestimmtes warten. Auf dieser Station ist die Stimmung noch ein wenig dumpfer. Hier leben die "Minderbegabten" der Justizanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher in Göllersdorf im niederösterreichischen Weinviertel.

Spital, nicht "Anstalt"

"Eine unangenehme Bezeichnung", meint Anstaltsleiterin Karin Gruber. Eigentlich handle es sich um ein Spital mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Die Bezeichnung nennt die Dinge dennoch beim Namen. Von den rund 120 untergebrachten Männern (die zehn bis zwölf Prozent geistig abnormen Rechtsbrecherinnen sind in geschlossenen Psychiatrien untergebracht) haben 17 Prozent gemordet, es versucht oder Totschlag begangen. 26 Prozent haben Körperverletzung, 19 Prozent ein Sexualdelikt, 17 Prozent ein Eigentumsdelikt, 13 Prozent Brandstiftung, vier Prozent Nötigung und gefährliche Drohung begangen. Wenige sind zurechnungsfähig.

Die meisten wurden nach Paragraf 21, Absatz 1 des Strafgesetzbuchs für zurechnungsunfähig erklärt. Daher wird keine Strafe an ihnen vollzogen. Daher sind sie keine Strafgefangenen, sondern Patienten, werden nicht eingesperrt, sondern untergebracht. Entweder in einer geschlossenen Abteilung der forensischen Psychiatrie von Krankenanstalten oder eben hier in Göllersdorf, im sogenannten Maßnahmenvollzug (einem Gesamtpaket aus biologischen, psychotherapeutischen und sozialpsychiatrischen Maßnahmen), entstanden im Geist der Strafrechtsreform und der Psychiatriereform der 1970er-Jahre.

Nach ihrer "Unterbringung" werden sie sie gemäß ihrer psychiatrischen Diagnose und nicht aufgrund des Delikts einer Station zugeteilt. So treffen die "Minderbegabten", die Schizophrenen und die psychotischen Patienten auf ihresgleichen. Auch aus praktischen Gründen. Patienten mit ähnlichen Diagnosen nehmen tendenziell an denselben Therapiegruppen teil.

Die "Minderbegabten" zum Beispiel an der Kognitiven Trainingsgruppe, wo man etwa Addieren im Kopf übt. Patienten, die aufgrund eines Sexualdelikts untergebracht sind, bearbeiten das Thema in einer eigenen Gruppe. Aus diversen Therapien und Töpfer-, Gärtner-, Koch-, Näh-, und Bewegungsgruppen ergibt sich ein voller Stundenplan.

Stacheldraht, Stahltüren

Der gewundene Stacheldraht an den vier Meter hohen Zäunen der Außenanlagen, das satte Klack der eierschalenfarben lackierten Stahltüren, die nach jedem Eintreten und Verlassen der Stationen und der Therapieräume mit einem Schlüssel aus dem üppigen Bund der Anstaltsleitung gesperrt wird, lassen die Sanatoriumsträume verpuffen.

Im Renaissanceschloss Göllersdorf ist eine Vollzugsanstalt eingerichtet. Mit prominenter Besetzung, den Lieblingen der kleinen bunten Zeitungen. Der "Kannibale von Wien" etwa, ist hier untergebracht. "Diese Dinge werden so von den Medien aufgebauscht. Der Kannibale war keiner, wie sich dann herausgestellt hat. Hier leben keine Monster, sondern Patienten, die mit allen notwendigen Maßnahmen psychiatrisch behandelt werden", erklärt der ärztliche Leiter Hans Schanda. Das Risiko kann man dennoch nicht kleinreden; Göllersdorf hat den einzigen Mordfall in einer Anstalt in der Zweiten Republik in seiner Chronik.

Mord mit einem Feitel

Am Morgen des 4. April 1995 erstach der verurteilte Doppelmörder Franz Stockreiter die Therapeutin Veronika Kreuziger mit einem Feitel. Dieses Ereignis schockte die Öffentlichkeit und warf viele Fragen auf, zum Beispiel, ob sich der Maßnahmenvollzug für "Normalverbrecher" eignet. Stockreiter war kurz vor seiner Entlassung gestanden - nach der Systematik des Normalvollzugs. Dieser hat ein Strafmaß, eventuell eine Verminderung und eine Haftentlassung. Für den "Untergebrachten" gibt es ein anderes Verfahren, weil er ja nicht verurteilt und daher nicht mit einem Strafmaß belegt wurde.

Einmal jährlich berichten ärztliche und Anstaltsleitung den Zustand und die Entwicklung des Patienten ans Gericht. Das Gericht kommt ins Haus, zum Jahrestag des Delikts. Die Anhörung findet in einem Raum statt, der laut Karin Gruber als "Patientencafé" eingerichtet wurde. Toskana-farbene Wände, marmorne Kaffeehaustischchen mit zwei bis drei dazugehörigen Sesseln, an der Stirnseite des Raums ein mächtiger Konferenztisch für gewichtige Gespräche. Hier wird über Verbleib oder Entlassung entschieden. "Das Ergebnis ist meist erwartbar."

Um die 200 Patienten hat dieses Gremium entlassen, in betreute Einrichtungen, in ein Leben mit weiteren therapeutischen Hilfestellungen.

Die, die bleiben, machen weiterhin Therapien, gehen in die Keramik- und Makramee-Stunden. Die Produkte hängen an den Wänden der Gänge. Bilder, auf Seide gemalt, Reliefe aus Keramik mit den Vornamen der Künstler grob in das Material geritzt. Die Wände sind voll, als wäre es eine Verkaufsausstellung von Muttertagsgeschenken, die hier für die Ewigkeit hängt. Vielleicht bewegen sich die Makramee-Hängelampen einmal am Tag leicht - im Luftzug des Wagerls mit den Mittagessen. (Bettina Stimeder/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. März 2009)

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