Das Kreuz mit der Familie im Hause Gottes

13. März 2009, 19:08
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Während die Amtskirche an der Enthaltsamkeit festhält, sieht die Praxis oft anders aus

Wien - "Es ist eine ganze besondere Situation, ich hatte halt großes Glück." Gerhard Höberth, Kaplan der Pfarre Rudolfsheim in Wien, ist sich seiner Sonderstellung innerhalb der heimischen Kirche durchaus bewusst. Der 49-jährige Geistliche ist Österreichs einziger katholischer Priester mit offiziellem Familienanhang. Als Höberth bei seiner Weihe am 15. Juni 2007 im Stephansdom demütig vor dem Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn zu Boden ging, saßen in der ersten Reihe seine Frau und die vier gemeinsamen Kinder.

Möglich wurde dies durch einen sogenannten Zölibat-Dispens. Höberth reichte zunächst bei Kardinal Schönborn als zuständigen Ortsbischof einen entsprechenden Antrag ein. Der Sanktus des Papstes zur Weihe trotz Trauschein erfolgte nach eingehender Prüfung im Oktober 2006. Gestört hat dabei auch eine gewisse Unstetigkeit Höberths in Glaubensfragen nicht. Der "Familien-Priester" trat nämlich mit 18 aus der katholischen Kirche aus, ein evangelischer Bibelkreis bewahrte Höberth aber vor einem Leben als Atheist. Nach einem Studium der evangelischen Theologie fühlt sich der Geistliche 15 Jahren bei den Protestanten heimisch, 2004 konvertiert ein Großteil der Familie aber wieder zum katholischen Glauben.

Gefordert seien jetzt vor allem die Bischöfe, findet der Kaplan. "Zu wissen, dass Priester in Beziehungen leben, aber so tun, als wäre nichts, beschert der Kirche ein Glaubwürdigkeitsproblem. Es braucht eine klare Linie: Entweder es wird offiziell als Lebensform für Priester anerkannt, oder es gibt für Betroffene klare Konsequenzen" , sagt Höberth. Entschieden werden könne ein "zweiter Weg" nur auf weltkirchlicher Ebene: "Da können unsere Bischöfe schon ein bisschen Druck beim Papst machen."

Treue als "tragender Wert"

Dieser gewünschte Druck wird wohl ausbleiben. Am Freitag hat Schönborn klargemacht, dass am Zölibat seinerseits nichts zu ändern ist, denn: "Für Priester gilt, wie für alle anderen Menschen, dass Treue und das Versprechen zur Treue tragende Werte in der Gesellschaft sind. Das Nichteinhalten bringt auf Dauer keinen Segen" , sagte Schönborn.

Angesichts des immer akuter werdenden Priestermangels in Österreich wird die Diskussion über den Zölibat allerdings kaum verstummen. Dabei zeigt die Statistik, dass die Zahl der Priester schneller abnimmt als jene der Katholiken im Land: Die Anzahl der Katholiken ist von 6,35 Millionen im Jahr 1988 in nur zehn Jahren auf 5,92 Millionen (1998) zurückgegangen und in den folgenden zehn Jahren auf 5,58 Millionen geschrumpft. Die Zahl der Priester (inklusive Ordenspriester) ging im gleichen Zeitraum von 5137 auf 4250 (2007) zurück.

Und 700 Priester sind "ohne Amt" , weil sie gegen den Zölibat verstoßen haben. Schwacher Trost: Auch die Anzahl der Neupriester steigt wieder - allerdings von einem denkbar niedrigem Niveau aus. Laut Erzdiözese Wien hat es im ersten Halbjahr 2008 insgesamt 41 Priesterweihen gegeben. Im Jahr 2007 waren es "nur" 36.

Kein schlechtes Gewissen

Kaplan Höberth hat gegenüber jenen Berufskollegen, die mögliche Beziehungen geheimhalten müssen, jedenfalls kein schlechtes Gewissen: "Warum auch? Ich habe ganz offiziell angesucht, und es ist gut gelaufen. Und Pfarrer darf ich ja sowieso nicht werden." Dennoch plädiert der 49-Jährige für eine Lockerung des Zölibats: "Keine Abschaffung, aber einen zweiten Weg. Ich bin klar für ein Viri-probati-Modell (Anm.: den Einsatz von bewährten Verheirateten)."

Auslöser der jüngsten Debatte rund um die klerikale Enthaltsamkeit war der Ungenacher Pfarrer und Vertraute von Arigona Zogaj, Josef Friedl. In einer nichtöffentlichen Diskussionsrunde hatte sich dieser offen zu seiner langjährigen Lebensgefährtin bekannt. Das seit Jahren bekannte Liebesglück des Pfarrers sorgt in konservativen Kirchenkreisen für Empörung. Zusätzlich heizte die Stimmung die Forderung Friedls nach einem "Zölibat auf Zeit" an. Der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz sah daraufhin Gesprächsbedarf und bat Pfarrer Friedl zu einem mitbrüderlichen Gespräch am kommenden Montag.

Streng kirchenrechtlich müsste Friedl seine Beziehung beenden, um kein Amtsenthebungsverfahren zu riskieren. Faktisch wird wahrscheinlich nichts passieren, da Friedl im kommenden Jahr sein Pensionsalter erreicht. Der Geistliche selbst bleibt wohl genau deshalb gelassen. Er habe "keine Angst" vor einer möglichen Amtsenthebung. (Peter Mayr, Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 14./15. März 2009)

  • Der Herr Kaplan mit Familie: Bei Gerhard Höberth hat der Papst ein Auge zugedrückt und die Priesterweihe trotz Anhang erlaubt.
    foto: höberth

    Der Herr Kaplan mit Familie: Bei Gerhard Höberth hat der Papst ein Auge zugedrückt und die Priesterweihe trotz Anhang erlaubt.

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