Eine Stadt im Bann eines Prozesses

13. März 2009, 18:48
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Mehr als 200 Journalisten werden in St. Pölten zum Prozess gegen Josef F. erwartet - Die Stadt will mit Gastro und Führungen punkten

"God rocks my world" heißt es noch zwei Tage lang im beschaulichen St. Pölten. Rein in musikalischem Sinne, denn so lautet der Titel der "Jugendchöretage" der katholischen Jugend, die das "Hip-Haus", wie sie das Hippolyt-Haus liebevoll nennen "wieder gewaltig in Schwingung versetzen" werden, so die Einladung.

Spätestens ab Montagfrüh kommt ein Schwung von mehr als 200 Journalisten und rund 25 Übertragungswagen in die Stadt - drüben zum Landesgericht. Berichterstatter und Kamerateams aus aller Welt, vom dänischen Fernsehen bis zu AP-TV, allein RTL wird mehr als 50 Personen im Einsatz haben, sogar ein Vertreter von Al-Jazeera hat um Akkreditierung angesucht. "Wer jetzt noch kein Zimmer hat, spielt Lotto", weiß die Dame im Tourismusbüro. "Die Hotels im Zentrum sind längst ausgebucht - im weiteren Umkreis gibt es maximal noch zehn freie Betten."

Wenige Informationen

Die 51.500-Einwohner-Stadt rüstet sich für den gewaltigen Medienrummel rund um den Prozess gegen Josef F. Ein maximaler Aufwand - für minimale Informationen, die zur Verfügung stehen werden. Denn geplant ist, dass die Verhandlung nur in Bruchteilen öffentlich sein wird (siehe nebenstehender Artikel).

Daher ist auch damit zu rechnen, dass Vertreter nicht nur der in-, sondern vor allem auch der ausländischen Boulevardmedien entsprechend unruhig werden, je weniger sie aus dem Verhandlungssaal erfahren. Seitens des Landesgerichtes und der Stadt St. Pölten hat man sich darauf vorbereitet.

Das Gerichtsgebäude werden nur jene 95 Journalisten betreten dürfen, die für den Schwurgerichtssaal akkreditiert wurden. Sie werden über einen seperaten Eingang direkt in den Saal gelotst. Nach Ausschluss der Öffentlichkeit müssen sie das Gebäude wieder verlassen. Dann kommen Einsatzkräfte mit Suchhunden, die den Saal nach kleinen Kameras oder Funkgeräten absuchen.

Damit ja kein Unbefugter eindringen kann, wurden sogar die Schlösser des Schwurgerichtssaales ausgetauscht, wie Landesgerichts-Vizepräsident Franz Cutka im Standard-Gespräch erläutert. Ursprünglich hatte man sogar überlegt, die Putztrupps eine Woche lang zu beurlauben - damit keine fremden Personen oder Mini-Kameras eingeschleust werden können. Um die Besucherfrequenz zu minimieren, wird der Fall F. jedenfalls der einzige sein, der kommende Woche an diesem Gericht verhandelt wird.

Sogar für den Luftraum über dem Landesgericht wurde ein temporäres Flugbeschränkungsgebiet verordnet, wie die Austro Control am Donnerstag bestätigte. Damit soll sichergestellt werden, dass es keine "Luftkämpfe" zwischen den Hubschraubern englischer oder amerikanischer TV-Sender gibt. Ausnahmen gibt es nur für Rettungsflüge.

Draußen hat die Firma "happy promotion" bereits alles vorbereitet: Auf dem Parkplatz neben dem Gerichtsgebäude steht ein Zelt, in dem täglich um 16 Uhr Vizepräsident Franz Cutka die Medien über den Fortgang informieren wird. Gegenüber des Haupteingangs wurde auf der Wiese eine kleine Tribüne für Kamerateams errichtet.

"Das bringt nichts"

Noch schlendern nur vereinzelt Fotografen und Kamerateams rund um das Landesgericht, um vielleicht schon vor Prozessbeginn irgendein lohnendes Motiv zu erstöbern. Doch außer ein paar Stadtgärtnern, die Grünflächen säubern und Bäume stutzen, ist niemand unterwegs. Angesichts der noch herrschenden Ruhe heißt es schon bald: "Das bringt nichts." Die Kamera bleibt ausgeschaltet.

Gleich neben dem Haupteingang wird hitzig debattiert: Mitglieder der Organisationen "Kinderschutzverein" und "Resistance für Peace" verhandeln mit einem Behördenvertreter, wo sie nächste Woche ihre Demonstration abhalten dürfen. Um jeden Quadratmeter wird gefeilscht. "Können wir den Gehsteig haben?", fragt eine der Aktivistinnen.

Sie würden "immer da sein", erklärt ein anderer, "Performance gibt's nur, wenn die Journalisten rauskommen". Unter anderem ist auch ein Auftritt von Hubsi Kramar geplant, der schon mit seinem provokanten Theaterstück "Pension F." für Aufregung gesorgt hatte. Mehrere hundert Kundgebungsteilnehmer erhoffen sie sich.

Dass die Medien eher desperat auf der Suche nach Berichtenswertem unterwegs sein werden, sehen die Vertreter der Stadt auch als Chance. "Wir werden offen auf die Medienvertreter zugehen und auch die anderen Seiten von St. Pölten zeigen", erklärt Stadt-Sprecher Peter Bylica. Etwa bei einem "kleinen Get-together" mit dem Bürgermeister Montagabend im Rathaus. Oder bei einer Stadtführung für die ausländischen Journalisten. Oder einem gemeinsamen Besuch der Jugendstil-Galerie.

Dabei werde man darauf hinweisen, dass St. Pölten die Stadt mit dem ältesten Stadtrecht Österreichs ist, sagt Bylica, dass es hier auch Veranstaltungen wie das Frequency-Festival oder das Barock-Festival Musica Sacra gibt. Und: dass "St. Pölten nicht der Tatort, sondern der Prozessort ist".

Auch die Gastronomen in Gerichtsnähe wollen das Beste aus dem erwarteten Medienansturm machen. Die "Bar Rock" direkt neben dem Gerichtsgebäude sperrt eine Woche lang täglich fünfeinhalb Stunden früher auf als üblich. Bei der Tourismusinfo der Stadt ist ein Umgebungsplan des Gerichtsgebäudes erhältlich, in dem hungrige Reporter vom vegetarischen Restaurant bis zur Imbissbude alles finden, was in zehn Minuten zu Fuß erreichbar ist.

"Verstehe den Auflauf nicht"

Die Bewohner der niederösterreichischen Landeshauptstadt scheinen sich erst an das Interesse der Weltöffentlichkeit gewöhnen zu müssen. "Ehrlich gesagt verstehe ich diesen Auflauf nicht ganz", sagt ein St. Pöltner in der Fußgängerzone ins Mikro eines Fernsehteams. Viele andere wollen sich gleich gar nicht zu der Frage, wie sie den internationalen Medien-ansturm erleben, äußern und beschleunigen kopfschüttelnd ihre Schritte. Also befragt die ZDF-Reporterin eben den Kollegen einer Zeitung. Die Medienfestspiele sind eröffnet. (Roman David-Freihsl Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. 3. 2009)

 

  • Die Verkürzung des Verfahrens auf eine insgesamte Länge von vier Tagen ist möglich
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    Die Verkürzung des Verfahrens auf eine insgesamte Länge von vier Tagen ist möglich

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