Kulturvernetzung statt Leitkultur

14. März 2009, 10:08
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Drei ethnologische Fallstudien zum Thema "Zusammenhalt in der Gesellschaft": Werner Schiffauer erkundet Parallelgesellschaften

Wie viel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft? Wie viel Segregation (v)erträgt sie? Wie viel Abschottung kann sie hinnehmen? Ist "Leitkultur" ruchlose Fantasie, Multikulturalismus nur ein anderes Wort für Gleichgültigkeit? Und ist es möglich, sowohl in der Parallelgesellschaft als auch in der Mehrheitsgesellschaft zu leben? Und: Wie gewöhnlich, wie 'normal' ist Letzteres eigentlich?

Der Ethnologe Werner Schiffauer, der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder lehrt, der Stadt direkt an der deutsch-polnischen Grenze, beschäftigt sich seit Jahren mit Differenz und mit Zuwanderern. Er hat Monografien über die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs geschrieben sowie über türkische Islamisten und legt nun einen anregenden Band über Parallelgesellschaften vor, ein weiteres Totschlagwort der Politik. "Dieses Gerede von den 'Parallelgesellschaften' macht mich wütend, weil es überhaupt nicht die reale Ausgrenzung von Migranten durch die Mehrheitsgesellschaft thematisiert. Die Abschottung läuft andersrum", so Schiffauer schon 2005. "Wenn die Politiker selber die Auseinandersetzung so beschreiben, müssen sie sich nicht wundern, wenn die Ausgegrenzten anfangen, diese Zuschreibung zu akzeptieren und zu sagen: 'Ja, wir sind Einwanderer. Ja, wir stehen zum Islam.' Die Ausgrenzung ist die Ursache der Abgrenzung der Migranten, die dann wieder beklagt wird."

Diese These, weg vom sich halb vorwurfsvoll, halb misstrauisch gegenseitigen Anschweigen, hin zu einer Kultur der Kommunikation, liegt seinem neuen Buch zu Grunde. Schiffauer zeigt die Hintergründe der Theorien sowie die Chancen einer multikulturellen Gesellschaft auf. Dabei geht er von drei ethnologischen Fallstudien aus, bei denen die Lebensumstände in Einwanderervierteln und in islamischen Gemeinden untersucht wurden. Sie führen die inneren Zusammenhänge zwischen Kultur, Werten und Integration vor. Diese zeigen, wie sich Migranten mit der Gesellschaft identifizieren und wie sich dies auf die Gesellschaft auswirkt. Und was ist mit der Leitkultur, zu der Werner Schiffauer am Ende seines gut lesbaren Essays zurückkehrt? "Gerade wenn man den Gedanken teilt", so sein Fazit, "dass Kultur eine wichtige Rolle für den Integrationsprozess und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt, ist man gut beraten, den Gedanken der Leitkultur aufzugeben und ihn durch den Gedanken der kulturellen Vernetzung zu ersetzen, der in jeder Hinsicht einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft angemessener ist." Nur schade, dass ausgerechnet die, die es angeht, die Populisten, die an Schiffauers Erkenntnissen partizipieren könnten, ihm intellektuell nicht folgen dürften. Sie wollen lieber im dumpfen Monolog verharren statt in einen Dialog einzutreten. Und zu lernen, lebenslang. (Alexander Kluy/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. 3. 2009)

  • Werner Schiffauer "Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens
braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz". €
17,30 / 152 Seiten, Transcript Verlag, Münster 2008
    foto: transcript

    Werner Schiffauer "Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz". € 17,30 / 152 Seiten, Transcript Verlag, Münster 2008

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