"Wir wollen keine Pflaster verteilen"

13. März 2009, 18:31
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IV-Chef Veit Sorger relativiert die Forderung nach Lohnkürzung, betont im STANDARD-Gespräch aber den Bedarf an Staatshaftungen und Investitionsförderungen

STANDARD: Sie haben kürzlich Not-kollektivverträge gefordert. Ist dieser Vorstoß angesichts der gerade erst fixierten Ausdehnung der Kurzarbeit sinnvoll?

Sorger: Anlässlich unserer Vorstandssitzung ist an uns herangetragen worden, dass eine Intensivierung aller Maßnahmen angegangen werden soll. Daraus ist eine wohldosierte Resolution - die erste in meiner Amtszeit - an die Bundesregierung ergangen, um die Dramatik zu schildern und unsere Wünsche zu präzisieren. Kein Mensch hat von einem Kollaps geredet, sondern wir haben für ein Bündel von Maßnahmen plädiert. Wir repräsentieren 1,5 Millionen Arbeitsplätze und müssen daher wachrütteln.

STANDARD: Keine Lohnkürzung?

Sorger: Die Einführung des schwedischen Modells wird von uns unmittelbar nach Abschluss der Kurzarbeitregelung nicht gefordert - davon war überhaupt keine Rede. Aber in allen Ländern werden derzeit unterschiedliche Maßnahmen ergriffen. In Schweden wird alles auf Betriebsebene verhandelt. Die Unternehmen und die Betriebsräte können die Arbeitszeit sowie Löhne und Gehälter auf 80 Prozent absenken. Und die 80 Prozent teilen sich Unternehmen und öffentliche Hand. Die Entlastung der Betriebe ist damit größer als in Österreich.

STANDARD: Was ist, wenn die Kurzarbeit für die Bewältigung des Abschwungs nicht ausreicht?

Sorger: Diese Gefahr besteht, das kann durchaus passieren. Dessen sind sich die Unternehmen bewusst. Die Unternehmen müssen wissen, ob es eine vorübergehende Schwäche oder ein strukturelles Problem ist. Bei Zweiterem kommt man um gravierende Maßnahmen ohnedies nicht herum.

STANDARD: Wird nicht gerade in der Autoindustrie und damit in der heimischen Zulieferung die Anpassung verschleppt?

Sorger: Es gibt Produkte, die mehr in Richtung Commodity gehen. Die waren bisher schon von schwacher Ertragskraft geprägt, dort existieren natürlich strukturelle Probleme. Aber es gibt auch junge, innovative Unternehmen mit großen Zukunftschancen, deren Produkte aber noch nicht so gefestigt sind. Die sind in einer kritischen Lage, müssen aber anders betrachtet werden. Da muss etwas auf der Finanzierungsseite geschehen.

STANDARD: Ihre Wünsche nach staatlichen Garantien lösen bei Finanzminister Josef Pröll keine Begeisterung aus. Er sorgt sich um die Bonität des Landes.

Sorger: Gerade kleinere, zukunftsträchtige Unternehmen brauchen eine Garantie für Kredite oder eine Bündelanleihe. Die Großen sollen Anleihen mit Staatshaftung direkt begeben. Allen ist gemeinsam, dass es sich dabei nicht um Sanierungsfälle handelt. Wir wollen keine Pflaster verteilen. Das Paket müsste insgesamt ein Volumen von zehn Milliarden plus haben, wobei die Handvoll großer Betriebe fünf Milliarden Euro benötigt.

STANDARD: Zudem fordern Sie die Einführung einer Investitionsprämie. Die IV_als einstige Speerspitze der freien Marktwirtschaft schreit derzeit am lautesten nach Hilfe.

Sorger: Das Halten der Beschäftigung muss in aller Interesse sein. Das sollten gerade Gewerkschaft und Arbeiterkammer auch so sehen. Es geht ja nicht darum, dass sich die Unternehmen Geld in die Tasche stecken. Außerdem haben wir jahrzehntelang den öffentlichen Haushalt zu einem großen Teil finanziert.

STANDARD: Wie tief geht der Abschwung in der Industrie?

Sorger: Am stärksten sind Autoindustrie, Maschinenbau und Elektroindustrie betroffen. Die Bandbreite geht bis zu 90 Prozent minus bei Auftragseingang und Produktion. Dagegen wächst der Konsum noch. Hier ist über Gehaltsrunde, niedrige Inflation und Steuer_reform alles getan worden. Aber wenn die Investitionen ausfallen, bricht uns der industrielle Kreislauf zusammen. Deshalb sind wir über die vorzeitige Abschreibung nur bedingt glücklich - damit holen wir keine Investition hinter dem Ofen hervor. Daher die Investitionsprämie, die in Cash ausbezahlt werden soll und sofort wirksam wird.  (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.3.2009)

Zur Person

Veit Sorger (66) ist Präsident der Industriellenvereinigung und der staatlichen Fimbag, die Bankbeteiligungen verwaltet.

  • Industrie-Boss Veit Sorger: "Das Halten der Beschäftigung muss in aller Interesse sein. Das sollten gerade Gewerkschaft und Arbeiterkammer auch so sehen."
    foto: standard/urban

    Industrie-Boss Veit Sorger: "Das Halten der Beschäftigung muss in aller Interesse sein. Das sollten gerade Gewerkschaft und Arbeiterkammer auch so sehen."

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