"Ich spiele nicht den Zampano"

13. März 2009, 18:29
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Didi Constantini zeigt keine Selbstzweifel, er leidet aber auch nicht an Selbstüberschätzung. Die Fußballer sollten intelligent sein und die Normalität erkennen

Standard: Sie werden die Spieler nie für ihren Einsatz loben, weil Sie ihn als selbstverständlich betrachten. Was würden Sie am 1. April nach der WM-Quali gegen Rumänien gerne sagen? Dass toll gekämpft wurde, fällt ja weg.
Constantini: Sie haben den Sieg verdient. Das wäre mein Wunschsatz.

Standard: Sie werden mit enormen Vorschusslorbeeren bedacht. Warum? Besteht nicht die Gefahr, Realitäten zu verkennen? Sogar Feuerwehrmänner sind gewissen Bränden hilflos ausgesetzt.
Constantini: Ich kann nichts dafür, wenn mir der normale Fan auf der Straße gratuliert. Mir ist bewusst, worum es geht. Vorschusslorbeeren ohne Leistung greifen nicht. Ich lasse mich nicht blenden.

Standard: Steigen Sie also auf die Euphoriebremse?
Constantini: Ich sage den oft wildfremden Leuten, gescheiter wäre es, in sieben Monaten zu gratulieren. Aber sie meinen es ja lieb.

Standard: Warum werden gerade in Sie so große Hoffnungen gesetzt?
Constantini: Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Vielleicht weil der Tiefpunkt erreicht ist.

Standard: Selbstzweifel?
Constantini: Nein. Greifst du als Trainer etwas an, willst du die Dinge bewegen. Ich habe keine Selbstzweifel, überschätze mich aber nicht. Bist du von dir nicht überzeugt, kannst du nie eine Gruppe führen und Positives weitergeben.

Standard: Als Teamchef sind Sie aber vom Selbstzweifel der Mannschaft abhängig.
Constantini: Als Trainer bist du immer abhängig, du bist niemals die letzte Instanz. Du kannst predigen, was du willst. Rennt einer alleine aufs Tor zu, entscheidet er, ob der Ball reingeht oder nicht. Glück, Pech, die Klasse spielen eine Rolle. Du kannst die Spieler nur hinführen, deine Philosophie vermitteln. Ausführendes Element ist und bleibt die Mannschaft.

Standard: Ihr Betreuerteam steht, Heinz Peischl und Manfred Zsak sind Ihre Assistenten. Sie haben diesen Job ja auch oft ausgeübt - welche Eigenschaften muss ein guter Ko-Trainer haben?
Constantini: Er muss loyal sein und soll seine Meinung einbringen. Sonst würde ich ja keinen brauchen. Peischl und Zsak sind Arbeiter, Praktiker, sie leben Fußball. Ich brauche keine Distanz zu meinen Leuten, ich spiele nicht den Zampano. Aber die Letztentscheidung trifft natürlich der Teamchef.

Standard: Die Diagnose kommt vor der Behandlung. Welches Bild haben Sie vom Nationalteam?
Constantini: Die Diagnose ist im Fußball immer dieselbe. Es zählen die Ergebnisse, und die passen nicht. Ich will das intern klären. Außerdem rede ich nicht gerne über die Vergangenheit.

Standard: Sie bezeichneten den kreativen Bereich als Baustelle. Dafür ist nicht zuletzt Andreas Ivanschitz verantwortlich. Bleibt er Kapitän? Ihr Vorgänger Karel Brückner hat ihn von der Mannschaft wählen und bestätigen lassen.
Constantini: Ich werde einen bestimmen. Aber das ist sicher keine Riesengeschichte.

Standard: Welche zusätzlichen Eigenschaften muss ein Teamfußballer haben - von Klasse abgesehen?
Constantini: Er muss belastbarer als ein Vereinsfußballer sein.

Standard: Spiele werden auch im Kopf entschieden. Sie verzichten auf einen Mentalbetreuer. Warum?
Constantini: Ich bin kein Gegner von Mentaltrainern und Psychologen. Wenn Paul Scharner das will, ist es absolut okay. Aber ich kann der Mannschaft keinen hinstellen und sagen, Burschen, der ist jetzt euer Mentalbetreuer.

Standard: Haben sich Berufsbild und Aufgabenbereich des Trainers geändert? Hätte Ernst Happel heute noch eine Chance?
Constantini: Auf jeden Fall. Weil es immer ums Gewinnen ging und geht. Das Medienspiel hat sich geändert, das habe ich in den vergangenen Tagen deutlich gemerkt. Wird es von gegenseitigem Respekt getragen, ist es okay. Aber ich kann Lügen und Falschmeldungen eh nicht verhindern, also rege ich mich darüber gar nicht auf.

Standard: Würden Sie sagen, Sie stehen über den Dingen?
Constantini: Nein, aber ich kann zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden, halte mich mit Nebensächlichkeiten nicht lange auf.

Standard: Die Teamspieler werden künftig während der Vorbereitung in Doppel- statt Einzelzimmern untergebracht. Eine sinnvolle oder nur eine populistische Maßnahme? Sie begründeten sie damit, dass es keinen Sinn macht, nur mit dem Computer zu kommunizieren.
Constantini: Die Idee mit den Zimmern stammt von ÖFB-Präsident Leo Windtner, ich habe sie gerne übernommen. Außerdem habe ich nichts gegen Computer. Ein Kind muss sich damit auskennen, alles andere wäre weltfremd. Wir haben die Generation so gemacht, darum ist sie so, dafür kann sie nichts. Ein Doppelbettzimmer gehört aber zum Mannschaftsdenken. Wir betreiben keinen Einzelsport. Da kann man sich ruhig abkapseln.

Standard: Wie wichtig ist Lachen?
Constantini: Es ist absolut notwendig, eine Freude am Leben zu haben. Das ist die Grundvoraussetzung für den Erfolg.

Standard: Sie fordern Intelligenz ein. Wie wird man in zehn Tagen Trainingslager klug?
Constantini: Das lernt man natürlich nicht. Intelligenz ist in der Jugend, wenn du Fußballprofi werden willst, wichtiger. Du musst wissen, was auf dich zukommt, welche Schritte du setzen musst. Da gibt es welche, die den Trainingsanzug von der ersten Mannschaft überstreifen und glauben, dass sie am Ziel sind. Dabei fängt es da erst an. Intelligenz bedeutet nicht, dass man 100 Fremdwörter unfallfrei ausspricht. Intelligenz ist, die Normalität zu erkennen.

Standard: Was passiert im Falle einer Niederlage gegen Rumänien?
Constantini: Es gibt gewisse Dinge, die du nur beurteilen kannst, wenn du sie erlebt hast. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 14. März 2009)

ZUR PERSON:
Dietmar Constantini (53) ist seit 5. März 2009 ÖFB-Teamchef. Am 1. April debütiert der Tiroler in Klagenfurt gegen Rumänien.

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    Am 18. März wird Teamchef Constantini den Kader nominieren, am 23. März beginnt in Velden die Vorbereitung auf den 1. April, das Spiel gegen Rumänien.

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    Kapitän Andreas Ivanschitz in einer für ihn und den österreichischen Fußball nicht unbedingt untypischen Lage.

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