Geschwisterliebeswahn aus dem Jahr 1917

13. März 2009, 18:18
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Aus der Zeit gefallen: "Die Ortliebschen Frauen" im Landestheater in St. Pölten

St. Pölten - Vor einer freistehenden Marmorwand sitzen im Landestheater Niederösterreich Franz Nabls "Die Ortliebschen Frauen" auf einer erbsengrünen Stil-Couch: Der Industrie-Aschenbecher steht in Abtupfnähe. Die in sanfter Resignation erloschene Mutter (Gabriele Schuchter) wacht über das gefrorene Bild einer Familienaufstellung im Kleinbürgermilieu: Die Töchter Josefine und Anna bilden die soliden Kernbestände einer durch den Tod des Vaters gewaltsam enthaupteten Sippe.

Die ältere (Chris Pichler) verwaltet die emotionalen Zuwendungsreste, die den innerfamiliären Zusammenhalt garantieren sollen, als Zuchtmeisterin. Die jüngere (Charlott von Blumencron) willfährt den Geboten der erstgeborenen als zähes, leidensfähiges Horváth-Mädchen - eine schöne Einzelleistung in einem bis auf die Knochen kalten, in bürgerlichen Konventionen erstarrten Franz-Nabl-Hochamt ohne jede sozio-kulturelle Anbindung an das Hier und Jetzt. Sohn Walter (Hendrik Winkler) ist das kurzhaarige, mit einem "Klumpfuß" entstellte Nesthäkchen: Er bildet den leeren, blinden Fleck in einer Inszenierung von Isabella Suppanz, die auf Nabl und dessen Dramatisierer Helmut Peschina allzu buchstabengetreu reagiert.

Sprache des "Bluts"

Bei Nabl, dem steirischen Romancier mit dem soliden völkischen Hintergrund, wird man auf die dunkel raunende Sprache des "Blutes" verwiesen. Wann immer Verständigungsschwierigkeiten zwischen den lieben Verwandten herrschen, greifen autoritäre Maßregeln Platz. Immer meint es Josefine gut: wenn sie die kleine Schwester vor der linkischen Werbung des Tierfutterhändlers (Klaus Haberl) in den Schoß der Familie zurückreißt. Wenn sie der Mutter die Mütze aufs Haupt drückt, um sie zur Unterbindung eines brüderlichen Flirtversuchs hinauszusenden in die Sphäre der Großbürger wie eine bessere Dienstmagd.

Geschwister besitzen hoch reizbares und leicht erregbares Wälsungen-Blut. Die Wälsungen bilden in Wagners Ring des Nibelungen ein im kurzen Liebesglück hoch jauchzendes Inzestpaar: Sie feiern die unglücklichste Liebesgeschichte der Belle-Époque-Welt als rauschendes Fest mit Gesang.

Bei Nabl - und Peschina - bleiben die Ortliebs ortlos und stimmschwach. Sie geben leidlich moderne Menschen ab, die in die Zwickmühlen des frühen 20. Jahrhunderts hineingeraten sind. Es lässt sich daher auch kein "Fall F." herbeizitieren, um die finale Pointe, die sanft gewaltsame Verräumung des Bruders in ein Kellerloch, in die Nähe der Amstettener Monstrosität zu rücken. Die Familientyrannin (Pichler) schwelgt in erotischer Erhitzung. Wälzt sich im Rindenmulch (Bühne: Martin Warth) und besäße doch jedes Anrecht, einen Schritt ins Freie hinauszuwagen. Keine "üble" Aufführung. Aber eine Erzählung aus Zeiten, als es noch Salondrachen und Einhörner gab. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.03.2009)

 

 

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