Städte-Strip mit voller Blase

16. März 2009, 16:59
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Brüssel erzählt heuer in Sprechblasen - Im "Jahr des Comics" feiern Tim und Struppi ihren Achtziger und die Stadt ihre bunten Seiten

 Gratulanten holt Reporter Tim persönlich ab. Auf einer Lok im Brüsseler Südbahnhof braust er in voller Fahrt - und ohne Hund. Struppi stört ihn wohl, wenn er, der pensionierte Held, sich wie zu seinen besten Zeiten fest an eine Dampflok klemmt. Agil ist dieser Geck wie eh und je, bewegt von Bild zu Bild in Heft und Buch. Wie für die Ewigkeit steckt er nun hier in einem schönen Rahmen: als ruhendes Porträt vor Reisenden, haushoch in der Bahnhofshalle und als erstes, isoliertes Bild von dieser Stadt im Jahr des Comics.

Das Bild vom rasenden Reporter mit wenig Text - als Journalist in seiner Welt schrieb er nie viel - ist jung geblieben, gut konserviert in Brüsseler Räumen. Der Strip des heuer Achtzigjährigen gefällt noch immer, und den Geburtstag feiert Tim mit Jüngeren. Eine Party für die Schlümpfe? Keine Angst, Schlafmützen wurden im letzten Jahr zum Fünfziger geweckt. Die Abenteuer von Tim und Struppi hingegen sind auch nach dem Tod ihres Schöpfers Hergé im Jahr 1983 nie eingeschlafen. In zwei Jahren will Steven Spielberg ihre Bilder erneut bewegen, Brüssel friert sie für immer ein und taut sie bei Gefallen auf. Frische Bilder, auch von jüngeren Zeichnern, werden immerhin die 36 offiziellen Veranstaltungen liefern. Belgien rühmt sich heute noch der meisten Comic-Autoren pro Quadratmeter.

Nur wenige hundert Schritte vom Südbahnhof holen Reporter Tim und Terrier Struppi ihre Leser wieder ein. Das Verlagshaus Lombard an der Avenue Paul-Henri Spaak war lange Jahre Wohnadresse von Hund und Herrl. Auf der Türklingel wird man ihre belgischen Namen "Tintin und Milou" nicht finden, ein Blick aufs Dach des Hauses aber reicht: Haartolle von Tim und Knochen im Maul des Foxterriers - das Logo ihrer Konterfeis glänzt immer noch, obwohl das hier verlegte "Tintin" -Magazin seit 1988 nicht mehr existiert. In diesem grauen Monolith erlebten Tim und Struppi dreißig Jahre Glanzzeiten, bunt trieben sie es schon 1942 - mit der ersten farbigen Zeitungsfassung von Der geheimnisvolle Stern.

Die Roten in Schwarz-Weiß

Zu seinem ersten Abenteuer Tim im Lande der Sowjets brach der bekannteste Reporter der gezeichneten Geschichte 1929 für andere auf: In einer schwarz-weißen Bilderwelt der katholischen Zeitung Le Vingtième Siècle hatte Tim wenig kontrastierte Ansichten vom Systemfeind mitzubringen. Ein entsprechend adäquates, neues Zuhause hat der Lombard-Verlag Jahre später mit dem heute nur mehr als "Tintin-Haus" bekannten Bauwerk für seine Helden jedenfalls gefunden. So sehr erinnert der uniforme Koloss an das Klischee eines Parteisekretariats, dass Hergé die beiden damals gar nicht erst in die Sowjetunion hätte schicken müssen. Und dennoch verlangte der neue Hausherr von Tim und Struppi fortan etwas mehr Schattierungen bei ihren Reportage-Reisen.

Als der Lombard-Verleger Raymond Leblanc 1945 den belgischen Autor und Zeichner Georges Prosper Remi - Hergé also - darum bat, für ein neues zwölfseitiges Comic-Magazin zu arbeiten, änderte sich die Bildsprache, vor allem aber Tims Sprache. Autor Hergé, der durch seine weiterhin publizierten "Abenteuer" in der gleichgeschalteten, belgischen Tageszeitung Le Soir während der Nazi-Besetzung Belgiens zumindest der Kollaboration verdächtig war, hatte in Leblanc nun einen Verleger gefunden, der während dieser Zeit dem belgischen Widerstand angehörte. Andere belgische Verlage stellten ehemalige Mitarbeiter der "Nazi-Presse" erst gar nicht wieder ein. Tim begann ein wenig nachzudenken, bevor er mäßig sensible oder gar rassistische Botschaften wie im zweiten Abenteuer Tim im Kongo voreilig in Sprechblasen entließ.

Brüssel selbst hat Leblanc, der vor einem Jahr 92-jährig verstarb, von diesem zweiten Stock des Tintin-Hauses jahrelang wie einen Comic-Strip erlebt. Dort, wo jetzt die Raymond-Leblanc-Stiftung eingerichtet ist, blickte er durch schmale und klar mit dunklen Stegen begrenzte Fensterstreifen. Auf eine Stadt, die ihn in Einzelbildern immer animierte und umgekehrt. Ein großzügiger Schauplatz der hier verlegten Comics war die Stadt oft genug. Als Architekt dieses neuen Verlagsgebäudes lenkte er seine eigenen Blick gezielt auf Brüssel als Kulisse und kadrierte sie.

Bildfolgen aus Brüssel

Wenig erstaunlich scheint also, dass die Stiftung gerade in diesem Jahr "Brüssel im Comic" zum Thema macht: mit einer Sonderausstellung ab September und als inhaltliche Vorgabe der Motive für den mit 10.000 Euro dotierten Leblanc-Award, der sich seit drei Jahren an eine neue Zeichner-Generation nach Hergé richtet. Handelnde Personen in Comics sind in den Abenteuern lang nach Hergé nun übrigens immer öfter Heldinnen - ihnen widmet das Haus die andere Schau in diesem Jahr.

Leser von Comic-Strips spazieren in Brüssel immer auf leichtgängigen Wegen. Als Geschichte in Fortsetzungen, zu Fuß von Bild zu Bild, erlebt ein Tourist in zwei Stunden 37 Wandgemälde an den Brüsseler Fassaden. Die Beine anstelle der Finger beim Aufschlagen von neuen Seiten zu bewegen, das ist vordergründig ebenso ungewöhnlich wie der Hintergrund dieser Szenen: 1991 sollte eine Handvoll belgischer Comic-Helden beginnen, die Optik sanierungsbedürftiger Giebel zu retten.

Zwei oder drei Bilder kamen jedes Jahr hinzu - in einem bis heute nicht abgeschlossenen Werk, das die im Genre übliche Spannung von Fortsetzungsgeschichten festschreibt: Was kommt in der nächsten Woche, was im nächsten Monat? Viel Arbeit für die Zeichner oder vielmehr die Fassaden-Maler im Themenjahr. Zehn weitere Motive sollen alleine in diesem Jahr fertiggestellt werden, eine Brüsseler Spitzenleistung auf dem Weg zur Bilderbuch-Wanderung durch fast alle Bezirke!

Auf der herrschaftlichen Prachtstraße vom Südbahnhof, die bei der Börse erst zum Boulevard Anspach wird, fehlen baufällige Fassaden, die noch gerettet werden müssten, und somit auch die Helden. Gut, das stimmt nicht ganz: Heroische Taten bei der Ausstattung von gelangweilten Pendlern, sammelwütigen Sachverständigen und fortgeschrittenen Tintinologen (das Wort und die Berufung dazu gibt's wirklich) erbringen hier eine ganze Reihe kleiner Comic-Läden. Im einschlägig bekannten "Brüsel" etwa schießen nach Lucky Luke immer wieder neue Figuren schneller als ihr Schatten, die Manga-Bände schon wie Schwammerln aus dem Boden und die Mütter ihren Kindern etwas zu. Ein Taschengeld und etwas mehr geben hier dennoch vorwiegend Erwachsene aus, und dass die belgischen Autoren vielleicht irgendwann den schneller zeichnenden Japanern weichen müssen, glaubt hier niemand gern.

Von der "Gelben Gefahr" einer auch in Belgien größer gewordenen Manga-Szene spricht man in den ehrwürdigen Hallen des Belgischen Comic-Zentrums nur im Scherz. Vielmehr mit staatstragend multikulturellem Unterton wird hier seit wenigen Tagen die Mode gefeiert, ein Comic von hinten nach vorne zu lesen - üblich ist das seit genau zwanzig Jahren, als der Akira-Autor und Manga-Zeichner Katsuhiro Otomo erstmals seitenverkehrt auf der Bildfläche auftauchte und auch in Europa verlegt wurde. 200.000 Besucher jährlich kommen hierher, weil eben genau diese Zwischentöne bei der Rezeption der international besten bunten Flächen zu hören sind.

Der übergroße Shop in diesem Jugendstilbau hat übrigens eine historische Berechtigung. Als Warenhaus Waucquez wurde das Juwel von Victor Horta im Jahr 1906 errichtet. Eine rot-weiß-karierte Rakete, wie sie nur im Comic oder im Eingangsbereich dieses Museums auftaucht, verrät, wohin die Reise in den oberen Stockwerken gehen wird.

In einer Vitrine, nur etwas weniger aufwändig als sie zum Schutz der Kronjuwelen notwendig wäre, steht wieder Tim. Gut eingepackt in einen Raumanzug erzählt er keck: Mit dem 1952 erschienenen Abenteuer Reiseziel Mond war es also ein Belgier, der schon 17 Jahre vor Neil Armstrong diesen historischen Schritt setzte. Ein kleiner Strich für Hergé - und eine große Überraschung für die Menschheit.

In etwas mehr als einer Woche werden sich dann auch Brueghel, Rubens und van Dyk mit neuen Tatsachen abfinden müssen. Und mit neuen Nachbarn: Da werden ernsthaft 100 Jahre internationale Comics aus der Sicht von zwanzig belgischen Autoren in den Königlichen Museen der Schönen Künste besprochen. Die neunte Kunst, das Comic also, wird in Belgien neben Alten Meistern somit endgültig in Marmor gehauen. Und unter den gestrengen Blicken eines Rembrandt'schen Langzeitmieters wie Nicolaas van Bambeeck wird dort zuletzt auch Struppi noch zu Wort kommen: "Wouah! Wouah!" wird er dann sagen - nicht mehr und nicht weniger. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2009)

Info: Tourismuswerbung Flandern-Brüssel, Mariahilfer Straße 121 b, 1060 Wien, Tel.: (01)596 06-60, Fax: (01)596 06-95, office@flandern.at, ww.flandern.at

Programmüberblick zum Comic-Jahr: www.brusselscomics.com

Touristische Informationen über Brüssel: www.brusselsinternational.be

Fondation Raymond Leblanc: Avenue Paul-Henri Spaak 7, 1060 Bruxelles. Öffnungszeiten: Mittwoch, Donnerstag und Freitag sowie am ersten Wochenende des Monats von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.

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    Das Bild vom rasenden Reporter mit wenig Text - als Journalist in seiner Welt schrieb er nie viel - ist jung geblieben. Der Strip des heuer Achtzigjährigen gefällt noch immer.

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    "Tintin"-Plakat in Brüssel.

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