Fernsehen ist keine Verblödungsmaschine ...

13. März 2009, 17:58
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... und der ORF keine Volkshochschule - Ein Kommentar der anderen von Harald Betke

Rund 96 Prozent der österreichischen Privathaushalte sind mit TV ausgestattet, in mehr als zwei Millionen Haushalten stehen mehrere Fernsehgeräte. Doch zuzugeben, dass man gerne fernsieht, dazu gehört in der heutigen Zeit schon eine Portion Mut.

Moderne Medien haben einen schlechten Ruf. Besonders das Fernsehen - als Verblödungsmaschine. Wobei man nicht nur davon ausgeht, dass es blöd macht, sondern auch noch generell unterstellt, es wird nur von Blöden konsumiert. Die sind dann auch folgerichtig nicht in der Lage zu entscheiden, was gut für sie ist.
Da müssen schon Opern- oder Theaterdirektoren helfen. Ernsthaft hat Gerfried Sperl in seinem Standard-Kommentar (2. 3.) eine neue Formel für den ORF-Stiftungsrat dergestalt vorgeschlagen: acht Stifter aus der Politik, weitere acht aus dem Kreis der Rektorenkonferenz sowie der Opern- und Theaterdirektoren. Kann man noch deutlicher illustrieren, wie seltsam hierzulande oft gerade Intellektuelle die Aufgabe des Mediums sehen? Zumal viele es sich aus vorauseilender Abscheu erst gar nicht anschauen, aber denen, die es lieben, vorschreiben wollen, was sie zu sehen haben. Ungetrübt von näherer Kenntnis des Gegenstandes wiederholt sich so das immergleiche Ritual: Der verächtlich gemachten TV-Unterhaltung wird ein Kulturaufenthalt verschrieben. Die Diskussion führen Personengruppen, die Dinge verteufeln, deren Bedeutung ihnen fremd ist.

Quoten nicht irrelevant

Tatsache ist, dass für viele Menschen der schönste Teil des Tages mit dem Griff zur Fernbedienung beginnt. 72 Prozent nennen Fernsehen als liebste Freizeitbeschäftigung. Der ORF bedient die urbane und rurale Zielgruppe, die Jüngeren und die Älteren. Und wenn die Werbung auf der Kernzielgruppe bis 49 Jahre besteht, so hat doch auch die Zielgruppe darüber ein Recht auf Fernsehen. Die über 60- Jährigen verbringen über vier Stunden täglich vor dem TV-Schirm. Und das kann nur ein Sender bieten, der eben nicht nur von Werbegeldern lebt. Nach einer aktuellen Umfrage von Eurobarometer sind die glücklichsten Menschen jene im Alter von 60 bis 67 Jahren. Wobei auch noch die Selbstmorde - traditionell am höchsten bei den über 65-Jährigen - seit Jahren drastisch zurückgehen. Fernsehen macht also zumindest nicht unglücklich. Mehr noch: Es hat die Lebensqualität vieler Menschen immens verbessert.
Vor Pauschalkritik, verbunden mit dem Versuch einer Meridianverschiebung, vor allem beim Flaggschiff Fernsehen, muss man den ORF bewahren. ORF 1 und ORF 2 können und sollen nicht das audiovisuelle Ö1 werden. Und es ist auch nicht Aufgabe des Unternehmens, so wünschenswert es wäre, für ein sicheres Auskommen der heimischen Künstler und Kreativen zu sorgen.

Jeder hat jetzt Tipps für Faymann und Ostermayer parat. Der in der Schweiz lebende Medienpädagoge Martin Zimper meinte unlängst an dieser Stelle, der ORF muss "eine gigantische audiovisuelle Geschichtenerzählmaschine österreichischer Stoffe sein. Die Motoren sind Künstler, Kreative, Journalisten, Designer und Gestalter." Ja, aber nicht nur. Im Mittelpunkt sollte doch der Zuseher sein, Motoren haben dienende Funktion. Das wird oft vergessen.
Die Quote, soll heißen Zustimmung der Zielgruppe, kann nicht irrelevant sein. Außerdem begänne die Gebührendiskussion dann erst Recht, Fahrt aufzunehmen. Gebührenzahler haben das Recht, um ihre Gebühren das Beste zu sehen, was es im TV-Bereich gibt. Das sind, neben dem Informationsbereich (bei dem u.a. "Report" , "Am Schauplatz" oder "ZiB2" höchste Qualität liefern) und der Produktion heimischer Geschichten, auch die oft geschmähten US-amerikanischen Serien, die seit Beginn des Jahrtausends nichts mehr mit "Dallas" oder "Dynasty" zu tun haben und den wichtigsten und nachhaltigsten Entwicklungssprung des Fernsehens der letzten Jahre markieren. Teilweise hochkarätige Produktionen mit oft anspruchsvollen, hochwertigen Drehbüchern.

Der ORF kränkelt. Vor der Therapie muss man aber auch unpolitische Fragen stellen dürfen, die neben der kaufmännischen Gebarung und der journalistischen Sorgfaltspflicht ebenso wichtig sind. Warum sinkt die Quote? Werden die richtigen Stoffe beauftragt? Werden sie von den richtigen Leuten umgesetzt? Werden die richtigen Kaufproduktionen aus dem Ausland erworben, am richtigen Tag, zur richtigen Uhrzeit programmiert und mit der nötigen Sorgfalt präsentiert (Stichwort "Staffelchaos" )? Wird die oft zitierte 360-Grad-Kommunikation wirklich gelebt?

Einfache handwerkliche Dinge. Umzusetzen von Menschen, die das Medium lieben und seine Nutzer achten. Fernsehen ist nicht blöd, macht nicht blöd. Es kann höchstens blöd gemacht werden. (Harald Betke, DER STANDARD; Printausgabe, 14./15.3.2009)

 

Zum Autor
Harald Betke ist Leiter einer Werbeagentur und Dozent am Publizistik-Institut der Universität Wien.

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