Hanne Darboven

13. März 2009, 17:53
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Die große deutsche Pionierin von Konzeptkunst und Minimal Art ist vergangenen Montag bei Hamburg gestorben

Hamburg - Ums Zählen ist es ihr gegangen, nicht um die Summe, ums Schreiben, nicht um Vermittlung. Dazu schrieb sie von Hand, vor allem verkettete "u" -Bögen, die über die Jahrzehnte riesige Bibliotheken füllten; Bibliotheken nach James Joyce, Bibliotheken einer Literatur der Unlesbarkeit. Selbst wenn man sich auf den hochanstrengenden Akt des Dechiffrierens, des Nachvollzugs des Darboven-Wegs zur Quersumme begab, blieb am Ende doch alles offen.

Hanne Darboven war in der ersten Reihe mit dabei, Konzeptkunst zu entwickeln - und praktizierte diese, man könnte sagen stur, jedenfalls kunstmodenresistent, bis zu ihrem Tod. Sol Lewitts oder Carl Andres Minimal Art war ihr zu wenig, das Unfassbare sollte doch an das Konkrete, das unvermeidlich Persönliche, ans allgemein Historische geknüpft werden.

Bei aller Obacht darauf, nichts vorzugeben, Interpretation und Perspektive nach allen Richtungen hin offenzuhalten, blieb doch sie, die Vollziehende dieser Übungen, im Werk präsent. Seit dem Ende der 60er-Jahre hat sie den Verlauf einmal ganz subjektiv festgelegter mathematischer Prinzipien visualisiert, in aller Disziplin Blätter mit Daten gefüllt. Daten, aus denen sie eigenwillig formulierte Quersummen zog. Quersummen, die sie, in Indizes zusammengefasst, als geometrische Zeichen oder auch Noten interpretiert hat - um "Ergebnisse" zu wiederholen, zu überlagern, zu spiegeln.

Um diese dann mit historischen Inhalten, mit Text- oder Bildzitaten (Georg Christoph Lichtenberg, Rainer Maria Rilke oder auch Picasso), Privatfotos und Zeichnungen zu konfrontieren. Hanne Darboven hat all das zu einer neuen Lektüre zusammengefasst, einem Lesestoff, den sie kommentarlos weitergab, dessen Ende nun einzig das Ableben der Autorin markiert, nicht aber eine Lösung vorschlägt, sich jeder Moral enthält.

Hanne Darboven hat die entscheidenden Räume der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts markiert, in den frühen 70ern bei Leo Castelli in New York ausgestellt, diversen je programmatischen "documentas" ihre Haltung entgegengestellt: offen oder hermetisch, je nach Sichtweise. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.03.2009)

  • Hanne Darboven im September 2003 anlässlich ihrer Personale im Wiener Museum Moderner Kunst (Mumok).
    foto: heribert corn

    Hanne Darboven im September 2003 anlässlich ihrer Personale im Wiener Museum Moderner Kunst (Mumok).

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