Rampe der Lebensmitte

13. März 2009, 16:45
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Die Lebensmitte ist nicht mehr Zenit der Karriere - sondern Rampe für Neubeginn - Eine Diskussion ermutigte zur Auseinandersetzung

"Wir sind die Generation, die am Wendepunkt steht", schreibt Susanna Wieseneder im Vorwort ihres neuen Buches "Karriere nach der Karriere - Wie positioniere ich mich in der Lebensmitte?" (Orell Füssli, 2009). "Wir", das sind die Babyboomer, geboren zwischen 1946 und 1964. Die "Rente" ist für uns kein Rückzugspunkt mehr aus dem Erwerbsleben. Mit der Pensionierung gehen wir nicht mehr in den letzten Lebensabschnitt, sondern in den nächsten.

Was bis jetzt weitgehend als anonymes Phänomen in den Berechnungen der Demografen da war, nämlich die alternde Gesellschaft und das dazu konträr scheinende Bild der Anforderungen der Arbeitswelt, wird jetzt zur persönlichen Betroffenheit einer ganzen Generation.
"In ein Spiel hineingeworfen, dessen Regeln wir nicht kennen", beschreibt die Autorin und Managementberaterin das Gefühl im Paradigmenwechsel zum Thema "zweite Lebenshälfte". Die Lebensmitte beschreibt sie als "Rampe" für einen Neubeginn. Auch wenn traditionelle Karrieremuster da und dort im Aufbruch sind, auch wenn Begriffe wie "Generationenmanagement", "lebensphasenorientiertes Management" sich ausgebreitet haben - mit viel Leben sind sie noch nicht erfüllt.

"Bewusstsein fehlt"

Das Thema ist tabuisiert und angstbesetzt. Das belegt nicht bloß die geringe Erwerbsquote Älterer, das zeigt auch der Boom der Verjüngungsindustrie. "Es gibt Unternehmen, die bewusst ältere Führungskräfte, Erfahrungswissen, rekrutieren", sagte Deloitte-Partnerin Katja Teuchmann auf dem Podium zum Buchthema. Damit "branden" sei aber längst nicht "in". Klare Überlegungen, wie Erfahrungspotenziale zu nutzen sind, gebe es auf beiden Seiten - Arbeitgeber und Arbeitnehmer - noch kaum. "Es ist noch nicht in den Köpfen, das Bewusstsein fehlt", so Martina Ernst, Chefin der Personal-Transformation in der UniCredit Bank Austria. „Früh ausscheiden mit guten Bezügen" sei ein gängiges Modell. Dieses, so Ernst, "werden wir uns aber nicht mehr lange leisten können". Sie sieht den Karrierebegriff (hierarchisch-funktional) auf breiter Basis gerade aufbrechen.

Ehrliche Auseinandersetzung

Dort holt Wiesenender mit ihrem Buch auch ab. Sehr konkret. Sehr offen und ohne Firlefanz gefälliger Images und Sprechblasen. Der Lektüre sei vorausgeschickt: Ohne ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst und mit maximaler Anstrengungsvermeidung lassen sich die Fragen zur Neupositionierung gar nicht beantworten.

"Ich bin der Älteste im Vorstand", sagte Caspar Einem (61), der 2007 aus der Politik zum Bedarfsflieger Jetalliance wechselte. Zu seinen Aufgaben gehöre auch, "die Jungen emotional bei der Stange zu halten". Einem ist überzeugt, dass Erfahrungswissen nun als "nützlich" bewertet werde, nachdem die ständige Beschleunigung Ältere und ihr Potenzial als "entbehrlich" dastehen hat lassen. Gerontosoziologe Franz Kolland (Uni Wien) zeigte notwendige Auseinandersetzungen mit gerne verdrängten gesellschaftlichen Wirklichkeiten auf. Andrea Scholdan, die nach ihrer Tätigkeit als Urologin vor drei Jahren in Wien die Suppenmanufaktur "suppito" eröffnete, gab das generationenverbindende Zauberwort für ihren Impetus: "Leidenschaft". Die Diskussion bei Deloitte in Wien konnte ermutigen und entängstigen. Sie hat nicht beschwichtigt und zum Abwarten verführt. (kbau, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.3.2009)

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    Die alternde Gesellschaft und das dazu konträr scheinende Bild der Anforderungen der Arbeitswelt, wird jetzt zur persönlichen Betroffenheit einer ganzen Generation.

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