Überfüllte Seminare, frustierte Studierende

16. März 2009, 09:46
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Am Institut für Politikwissenschaft formiert sich Widerstand gegen die katastrophalen Zustände in der Lehre - Geld und Ressourcen fehlen an allen Ecken und Enden

"Ich habe mich für vier Seminare angemeldet. In kein einziges bin ich hineingekommen. Sagen Sie mir bitte: Was soll ich dieses Semester tun?"  So wie diesem Studenten geht es derzeit einigen, die sich entschlossen haben, in Wien Politikwissenschaften zu studieren. Denn die Lage am Institut für Politikwissenschaften ist angespannt. So angespannt, dass man jetzt organisiert die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen will. Bei einer Podiumsdiskussion mit Studierenden, Institutsmitarbeitern und externen Vortragenden wurden die unterschiedlichen Positionen dargebracht und das weitere Vorgehen besprochen. Einig war man sich darin, dass die derzeitige Situation durch die Unterfinanzierung des Systems entstanden ist.

Zahl der Politikwissenschaftsstudierenden steigt

Studienprogrammleiter Johann Dvorák sieht den Bologna-Prozess als Ursprung des Problems: "Bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studien stand immer wieder das Dogma "Kostenneutralität" im Vordergrund." Der finanzielle Aufwand sollte gleichbleiben, denn wenn die Studierenden in den Diplomstudien weniger würden, könnte das dadurch ersparte Geld für die neuen Studienpläne verwendet werden. Dem war allerdings zumindest am Institut für Politikwissenschaft nicht so. "An unserem Institut ist die Zahl der Studierenden in den letzten Jahren gestiegen. Und das aber nicht allein bei den Bachelor-Studien, sondern eben auch bei den Diplomstudien", erklärt Dvorak den Studierenden den Ist-Zustand.

Überlaufene Seminare

Der Frust nimmt zu. Sowohl unter den Studierenden, die im wahrsten Sinn des Wortes um Seminarplätze kämpfen, als auch unter den Lehrveranstaltungsleitern. Eva Nussbaumer, externe Lehrbeauftragte, beschreibt ihre Situation: "Mein Seminar hat diese Woche gestartet. Beim ersten Termin saßen die 50 Studierenden im Saal, die angemeldet waren, und 43 weitere. Ich finde es unerträglich hier entscheiden zu müssen: Nehme ich noch mehr Studierende auf und habe ich dadurch mehr Arbeit und die Studenten weniger Betreuung? Oder belasse ich es bei den 50 Studierenden und weise die anderen ab, die dadurch möglicherweise ihre Stipendien und Studienbeihilfe verlieren?" Der Konkurrenzkampf unter den Studierenden würde härter werden, außerdem besuchten viele die Seminare nicht mehr nach ihren Interessen, sondern nur, um auf die erforderten Stunden zu kommen, meint Nussbaumer.

Universitätsassistentin Gundula Ludwig zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild der Hochschulsituation. Die Universitäten würden immer mehr zu Dienstleistungsunternehmen degradiert werden, die Studierenden seien nur mehr KonsumentInnen, die Lehre der Klotz am Bein der Forschung, sagt sie.

Kritik am neuen Anmeldesystem

Das seit dem aktuellen Semester geltende Anmeldesystem sorgt zusätzlich für Ärger. Die Studierenden müssen 2000 Punkte für die Lehrveranstaltungen vergeben. Je nachdem, wieviele Punkte sie setzen und wieviele andere Studierende in ein Seminar hineinwollen, ändert sich die Chance, einen Platz zu bekommen. "Das benachteiligt engagierte Studierende, die in Mindeststudienzeit studieren wollen", sagt die Studentin Elisabeth Gschwandter. "Wenn ich viele Veranstaltungen besuchen will, kann ich nur wenige Punkte vergeben und komme dann möglicherweise nirgends rein." Die Studienvertretung sei über dieses neue Anmeldeverfahren zu kurzfristig informiert worden. Überhaupt funktioniere die Kommunikation mit der Studienprogrammleitung nicht mehr so gut, seit durch das Universitätsgesetz 2002 die studentische Mitbestimmung in instiutionellen Dingen abgeschafft worden sei, kritisiert die Studienvertretung.

Budgetmittel reichen nicht

An Geld mangelt es offensichtlich an allen Ecken und Enden. Die Budgetmittel reichen nicht um dieses Semester kurzfristig zusätzliche Lehrveranstaltungen aufzustellen. Von mehr und besseren Rämlichkeiten scheint man weit entfernt zu sein. Derzeit ist noch nicht einmal sicher, ob im Herbst Kompaktkurse für jene angeboten werden können, die dieses Semester bei den Lehrveranstaltungen zu kurz gekommen seien: "Ich habe noch kein Okay bekommen", sagt Studienprogrammleiter Johann Dvorák. Die Verhandlungen mit dem Rektorat seien schwierig, sagt er. Eine unbefriedigende Situation für alle Beteiligten, deshalb soll jetzt an einem Strang gezogen werden. Arbeitsgruppen sollen helfen, die Vorgangsweise in der Öffentlichkeit zu organisieren und den Druck auf das Rektorat und die Politik zu erhöhen. (edt/derStandard.at, 13.3.2008)

  • Der Frust unter den Studierenden ist spürbar. Viele können nicht die Seminare besuchen, für die sie sich interessieren.
    foto: derstandard.at/eder

    Der Frust unter den Studierenden ist spürbar. Viele können nicht die Seminare besuchen, für die sie sich interessieren.

  • Die Studienprogrammleitung, Lehrbeauftragte und Studierendenvertretung versuchen einen Weg aus der prekären Situation zu finden.
    foto: derstandard.at/eder

    Die Studienprogrammleitung, Lehrbeauftragte und Studierendenvertretung versuchen einen Weg aus der prekären Situation zu finden.

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