Wegen Überangebots mussten die Stromverkäufer Geld für die Abgabe drauflegen - Boltz: Häuft sich dieses Phänomen, werden Erzeuger reagieren
Wien - Auf den Spotmärkten in Europa war
der Strompreis am vergangenen Sonntag für kurze Zeit negativ - nicht zum ersten
Mal. Das heißt, Stromverkäufer mussten für die Abgabe von Elektrizität sogar
Geld drauflegen. Grund für dieses zuletzt mehrmals beobachtete Kuriosum ist ein
Überangebot an Strom am gesamten Kontinent: In Deutschland wurde - begünstigt
durch das Wetter - sehr viel Windstrom erzeugt, zugleich hingen Sonntag früh nur
wenige Großverbraucher aus der Industrie am Netz. Es liefen aber auch die
Kernkraftwerke, bei denen ein kurzfristiges Ab- und Wiederanfahren unrentabel
ist.
"Wegen des durch die Konjunktur deutlich geringeren Verbrauchs, weil die
Industrie zurückgefahren wurde, haben wir in letzter Zeit ein paar Mal einen
negativen Strompreis gehabt", sagt E-Control-Chef Walter Boltz. Dies
senke im Schnitt die Beschaffungspreise für Strom, da durch ein oder zwei
"Gratisstunden" die Kosten einer Tagesmenge, die ein Großabnehmer kauft, nach
unten gemischt werden. Profitieren würden davon letztlich auch die Endkunden.
Lange werde dieses Phänomen aber nicht anhalten, vermutet der
Energie-Regulator: Gebe es vermehrt negative Strompreise, würden die Erzeuger
darauf reagieren und doch ein kurzzeitiges Abschalten von Kraftwerken erwägen.
Derzeit rechne sich das nicht: "Es gibt eine Reihe so genannter 'must
run'-Kraftwerke, etwa in Österreich die Donaukraftwerke oder im Ausland
Kernkraftwerke oder Braunkohleblöcke, bei denen ein Abschalten sehr aufwendig
ist", so Boltz.
Erklärbar seien negative Strompreise nur durch die Preisbildungs-Mechanismen
an den Strombörsen, etwa der für Mitteleuropa maßgeblichen EEX in Leipzig.
Boltz: "Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis nach oben und nach unten. Es
gibt keine Preisbeschränkungen. Wenn die Summe der Erzeugungsleistung die
Nachfrage übersteigt, etwa wenn es besonders viel Windkraft gibt, dann springt
der Preis ins Minus. Dann zahlt ein Einkäufer unter Umständen für einige Stunden
gar nichts."
Vergangenen Sonntag ist an der EEX in der Früh zwischen 6 und 7 Uhr der
Stunden-Preis bei minus 109,97 Euro pro Megawattstunde (MWh) gelegen, in der
Folgestunde zwischen 8 und 9 Uhr bei ebenfalls negativen 50,60 Euro/MWh. In den
Stunden davor und danach kostete Strom 4,02 bzw. 0,02 Euro/MWh. Am selben Abend
zwischen 19 und 20 Uhr erreichte der Preis allerdings dann mit 49,02 Euro seinen
Tageshöchst-Stand. Über den gesamten Sonntag lagen die Phelix-Base- bzw.
-Peak-Notierungen bei 13,00 bzw. 19,75 Euro, an den Wochentagen davor und danach
waren es meist zwischen 40 und 47 Euro. Grundlast-Strom sei derzeit relativ
günstig, so Boltz, für kommende Woche liege der Preise bei zirka 40 Euro pro
MWh. (APA)