Sopron - unbekannt und kaum entdeckt

14. März 2009, 18:43
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Janos Gömöri, Archäologe des Soproní Múzeum, klärt Markus Zohner über die Bedeutung der Bernsteinstraße für die Stadt auf

Dass man wieder in Ungarn ist, merkt man nur daran, dass plötzlich wieder die Hunde bellen.

Nach knapp zwei Stunden Wanderung auf vereisten Wegen über Weinberge, durch Dörfer und schließlich auf der nassen Straße komme ich staunend nach Sopron und werde schon erwartet. Herr Dr. Janos Gömöri, Archäologe des Soproní Múzeum, steht an der Pestsäule und lacht, als er mich kommen sieht, als träfe ein ägyptisches Kamel in Sopron ein. Von diesem Moment an bin ich in seiner weisen Obhut, und er zeigt mir, nach einer kurzen Verschnaufpause bei Gulasch und Palatschinka, alles.

Sopron, ein Juwel mit einer bildhübschen Innenstadt, unbekannt und kaum entdeckt. Einzig der Wiener Einkaufs- und Zahnarzttourismus floriert hier, ansonsten liegt diese Schönheit noch in einem touristischen Tiefschlaf. Der mittelalterliche Stadtkern ist bis heute fast unversehrt und besitzt 115 Baudenkmäler und 240 denkmalgeschützte Gebäude.

Nach dem Ersten Weltkrieg sollte die Stadt, in der es auch heute noch eine große deutschsprachige Minderheit gibt, Hauptstadt des Burgenlandes werden. Bei einer Volksabstimmung im Dezember 1921 entschieden sich allerdings 62,5 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib bei Ungarn, sodass heute ein ungarischer Sporn mit seiner Perle Sopron nach Österreich hineinragt und das Burgenland zweiteilt.

Herr Dr. Gömöri nimmt mich bei der Hand, führt mich zum Stadtwall, einem enormen römischen Mauersystem, das die gesamte Stadt umschloss und das hinein- und hinausführende Straßensystem kontrollierte, und das im Mittelalter weiter ausgebaut wurde. Er zeigt mir das Forum aus der Römerzeit, das vier Meter unter dem heutigen Hauptplatz liegt, Bürgerhäuser aus dem Barock und der Renaissance, den Feuerturm, gotische und barocke Kirchen, mittelalterliche Synagogen und Paläste aus dem 19. Jahrhundert. Dann schließt er mir lächelnd das Museum auf, führt mich durch die Schätze aus sechs Jahrtausenden, entschlüsselt mir Zusammenhänge, und klärt mich über die Bedeutung der Bernsteinstraße für die Stadt auf.

Municipium Flavium Augustum

Das Römische Scarbantia, das eine Bürgerstadt, und keine militärische Festung war, lag auf einer Kreuzung der Bernsteinstraße (Nord-südliche Richtung) und der Straße, die von Arrabona (Gyõr) nach Vindobona (Wien) führte (Ost-westliche Richtung). Seine Bewohner waren vor allem Kaufmänner und Veteranen, und im ersten und zweiten Jahrhundert wurde der Bernsteinhandel immer wichtiger für das Leben der Stadt. Während der Regierung des Kaisers Vespasianus (69-79) wurde die Stadt schließlich zu einem Municipium mit einer eigenen Verfassung: Municipium Flavium Augustum.

Mir schwindelt, und Herr Gömöri entlässt mich, es ist längst dunkel, mit einem verheißungsvollen Lächeln in das kleine Gästezimmer des Museums: Morgen um acht fahren wir hinaus zum Amphitheater, und dann, in den Wald, zur Bernsteinstraße!

Kaum war ich am nächsten Morgen zur Besinnung gekommen, stand ich schon fröstelnd im harschigen Schnee am Rande des Kraters des riesigen, römischen Amphitheaters, und wenig später dann im tief verschneiten Wald auf dem Wall der römischen Bernsteinstraße.

Langsam begannen sich jetzt Bilder meiner Reise miteinander zu verbinden, langsam kristallisierte sich eine wirkliche Straße, ein Band heraus, dessen erste Spuren ich in Aquileia gesehen hatte, und das in großen Entfernungen immer wieder auftauchte und, wie Perlen auf einer Schnur, aus seinen Bruchstücken langsam ein Ganzes bildete.

Wir trafen dann noch den Vizebürgermeister, gaben Interviews für Zeitungen und den katholischen Radiosender des Landes, nahmen eine kräftige Mahlzeit zu uns, und dann gingen wir gemeinsam aus der Stadt heraus, vergnügt, wie zwei alte Freunde, die gemeinsam eine lange Reise gemacht haben oder eine wichtige Erfindung. Dann, an der Stadtgrenze, verabschiedete er mich, "glückliche Reise!", jedoch nicht ohne mir das Versprechen abgenommen zu haben, wiederzukommen. Es gilt! (Markus Zohner)

  • Sopron, ein Juwel mit einer bildhübschen Innenstadt.
    foto: richard resch

    Sopron, ein Juwel mit einer bildhübschen Innenstadt.

  • Artikelbild
    foto: richard resch
  • Minerva, Jupiter und Juno.
    foto: markus zohner

    Minerva, Jupiter und Juno.

  • Lapidarium in Sopron.
    foto: richard resch

    Lapidarium in Sopron.

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