Der Kärntner "Bradley-Effekt"

15. März 2009, 17:25
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Beachtet die Meinungsforschung, dass WählerInnen der rechten Parteien ihre Wahlentscheidung oft nicht preisgeben wollen? derStandard.at hat nachgefragt

User universaldilettant aka iq007 hat eine Frage zu den Prognosen der Meinungsforscher bei den Landtagswahlen in Kärnten gepostet. Er will wissen, ob berücksichtigt wurde, dass viele BZÖ-Wähler - genauso wie die FPÖ-Wähler - ihre Wahlentscheidung nicht bekanntgeben wollen, und wie damit umgegangen wird.

In den USA wird dieses Phänomen als "Bradley-Effekt" bezeichnet. Dieser Effekt beschreibt, dass Menschen nicht zugeben, was sie wählen werden: wenn also weiße Wähler bei den Umfragen nicht offen zugeben wollen, dass sie nicht für einen schwarzen Kandidaten stimmen werden, um nicht als Rassisten dazustehen.

derStandard.at hat nachgefragt.

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Die Meinungsforscher hatten für die Kärntner Landtagswahlen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPÖ und BZÖ vorhergesagt, sind damit aber daneben gelegen, weil das BZÖ klar als Sieger der Wahlen hervorgegangen ist. Nach der Wahl waren sie ratlos und gestanden Fehler ein.

Im Gespräch mit derStandard.at erklärt Markt- und Meinungsforscher Peter Hajek nun, wie es zu den Fehlprognosen gekommen ist. Es gäbe einen ähnlichen Effekt, wie den nach dem ehemaligen Bürgermeister aus Los Angeles, Tom Bradley, benannten. Er existiere sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung, so Hajek. So seien in Österreich die Grünen immer überdeklariert, die FPÖ bzw. das BZÖ immer unterdeklariert. Die WählerInnen geben also in größerem Ausmaß an, dass sie die Grünen wählen, tun es dann aber gar nicht. Und umgekehrt: viele verschweigen, dass sie der FPÖ bzw. dem BZÖ ihre Stimme geben werden.

Ausgleich der "Recall-Gewichtung"

Das sei den Meinungsforschern bekannt und man rechne dieses Phänomen mit ein, so Hajek. Deshalb werde bei der Befragung auch immer eine "Rückerinnerungsfrage" gestellt. Diese wird dann mit dem letzten Wahlergebnis verglichen. Daraus könne man dann ableiten, wie viel Prozent eine falsche Aussage getätigt haben. Man gleiche damit die "Recall-Gewichtung" aus.

In Kärnten jedoch hat diese Methode bei den Landtagswahlen vor zwei Wochen nicht funktioniert. "Es hat nicht geklappt", sagt Hajek, "weil die WählerInnen bei der Rückerinnerungsfrage diesmal angaben, das BZÖ und Jörg Haider gewählt zu haben - auch wenn dem nicht der Fall war." Sie sind also zum BZÖ gestanden - und haben ihre Präferenzen nicht verschwiegen. Zugleich gaben weniger Menschen an, die SPÖ gewählt zu haben, als es tatsächlich der Fall war. Deshalb seien die Marktforscher mit den Ergebnissen daneben gelegen.

"Neues Phänomen"

Hajek jedenfalls will aus diesem "neuen Phänomen" lernen. Er kündigt an, eine Arbeitsgruppe mit anderen Markt- und Meinungsforschern zu gründen, um Wege zu finden, wie man in Zukunft mit den Aussagen der BZÖ- und FPÖ-WählerInnen umgehen soll. (rwh, derStandard.at, 15.3.2009)

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  • Die WählerInnen entscheiden in der Wahlkabine oft anders, als sie es zuvor in den Befragungen der Meinungsforscher angekündigt haben.

    Die WählerInnen entscheiden in der Wahlkabine oft anders, als sie es zuvor in den Befragungen der Meinungsforscher angekündigt haben.

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