Zahlreiche "Trittbrettfahrer" nach Amoklauf

13. März 2009, 13:11
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Mehrere Drohungen per Telefon - Schule in Heilbronn musste geräumt werden - Bombendrohung gegen Schule in Freiburg

Berlin - Der Amoklauf in Winnenden hat in Deutschland zahlreiche Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen. In Heilbronn musste am Freitag sogar eine Schule geräumt werden, weil eine entsprechende Drohung eingegangen war. Am Vortag war eine Schule in Freiburg evakuiert worden. Es habe zahlreiche Amok- oder Bombendrohungen gegeben, berichtete etwa die baden-württembergische Polizei. Die Behörden warnten vor rechtlichen Konsequenzen.

Wegen einer Amok-Drohung hat die Polizei am Freitag die betroffene Realschule in Ilsfeld südlich von Heilbronn für mehrere Stunden abgesperrt. Bei der Durchsuchung sei nichts gefunden worden, was auf eine Gewalttat hindeute, teilte ein Polizeisprecher mit. Die Schule sei wieder freigegeben worden. Die rund 650 Schüler in Ilsfeld wurden in der Früh auf dem Weg zur Schule abgefangen und betreut. Die Drohung wurde in der Nacht zuvor in einem Internet-Chat ausgesprochen. Die Ermittlungen zum Urheber dauerten an.

Die Bombendrohung gegen die Schule in Freiburg ging Donnerstagfrüh auf dem Tonband der Karlschule ein. Die Polizei durchsuchte das Gebäude mit Hilfe von Sprengstoffspürhunden, wurde aber nicht fündig. Die 400 Schüler kamen unterdessen in benachbarten Gebäuden unter. Gegen 10.30 Uhr konnte der Unterricht fortgesetzt werden.

In Schramberg nahm die Polizei einen 16-Jährigen fest, nachdem er einen Amoklauf an seiner Berufsschule angekündigt hatte. Der Schüler hatte nach ersten Ermittlungen im Internet eine Schilderung des Amoklaufs im Jahr 2002 an einem Gymnasium in Erfurt heruntergeladen und als Vorlage für seine Drohung genommen.

Drohung, um schulfrei zu haben

In Sachsen-Anhalt gab es ebenfalls einen Trittbrettfahrer, der am Donnerstag wenige Stunden nach einer Amokdrohung zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Der 22-Jährige hatte per Notruf einen Amoklauf an seiner Berufsschule angekündigt, um wegen des Polizeieinsatzes schulfrei zu bekommen. Nur sieben Stunden später fand er sich auf der Anklagebank wieder, weil die Polizei den Anrufer schnell ermittelte und die Justiz sich zu einem beschleunigten Verfahren entschloss.

Als einfachen Scherz hat ein 20-Jähriger seine Amokdrohung gegen eine Schule in Esslingen gerechtfertigt. Die Polizei nahm den Mann am Donnerstag fest, kurz nachdem er die Drohung im Internet veröffentlicht hatte. Die Gefahr eines Amoklaufs hatte an der Schule zuvor einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Gegen den 20-Jährigen wurde Haftbefehl beantragt.

In Ulm sicherten Polizisten eine Schule, nachdem ein 18-Jähriger gegenüber Mitschülern von seiner "Todesliste" gesprochen hatte. Nach ersten Ermittlungen stufte die Polizei den Vorgang als Wichtigtuerei ein. Auch in Pforzheim versetzte ein Trittbrettfahrer die Polizei in Alarmbereitschaft.

Die Behörden warnten davor, solche Äußerungen - auch wenn sie nicht ernst gemeint sind - in irgendeiner Weise zu veröffentlichen. Ein Trittbrettfahrer müsse mit empfindlichen Strafen bis zu drei Jahren Gefängnis rechnen, sagte ein Sprecher des baden-württembergischen Justizministeriums. Außerdem könnten in solchen Fällen "erhebliche Schadenersatzforderungen" auf den Täter zukommen, sagte der Sprecher: "Der Polizeieinsatz und die Evakuierungskosten können sehr teuer werden und dann ist der Täter oft ein Leben lang damit beschäftigt, seine Schulden abzustottern."

Psychologe: "Keine Überraschung"

Für den Wiener Psychologen Klaus Gruber kommt dies nicht überraschend: "Es ist normal, dass nach so einem Fall Nachahmungstäter auf den Plan gerufen werden, die ebenfalls eine Bluttat androhen." Der Grund: Je mehr Details zu Täter und Verbrechen bekanntwürden, desto eher würde eine Projektionsfigur für "Gleichgesinnte" geschaffen, so der Experte im APA-Gespräch. Dieses Phänomen wird "Werther-Effekt" genannt.

Die Trittbrettfahrer können grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: "Spaßvögel", die Lust am erschrecken haben und jene, die es wirklich ernst meinen. Zu Ersteren meinte Gruber: "Ich bin mir nicht sicher, ob diese Leute damit rechnen, erwischt und bestraft zu werden." Außerdem kritisierte er: Würden statt dem Täter die Opfer und ihre Schicksale in der Berichterstattung im Vordergrund stehen, dann wären diese Menschen vielleicht mehr sensibilisiert.

Wirklich ernst könnten es aber jene meinen, die sich mit dem Amokläufer identifizieren. "Der Täter wird zur Projektionsfigur für jene Menschen, die sich in der gleichen Situation befinden, sprich Probleme in der Schule, mit Freunden oder mit den Eltern haben", meinte der Psychologe. Eine nachvollziehbare und detailreiche Schilderungen der Bluttat, sowie Spekulationen über die Motive des Täters fördern die Nachahmungsbereitschaft zusätzlich. (APA/dpa/AFP/Reuters/AP)

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