"Baltischer Tiger" wird 2009 keine großen Sprünge machen

13. März 2009, 11:50
posten

Litauen steht vor Rezession und muss nach AKW-Abschaltung neue Wege in der Energieversorgung gehen

Vilnius - Die "europäischen Tigerstaaten" auf dem Baltikum konnten sich bisher eines rasanten Wirtschaftswachstums von acht bis zehn Prozent rühmen. Im Krisenjahr 2009 werden Litauen, Lettland und Estland keine großen Sprünge mehr machen. Die Rezession begann schon im vierten Quartal des Vorjahres. Für heuer erwartet HBM Baltic Outlook ein Negativwachstum von sechs Prozent, die Arbeitslosigkeit verdoppelt sich demnach auf 10 Prozent.

"Litauen ist natürlich keine Ausnahme angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise", räumte Präsident Valdas Adamkus nach einem Gespräch mit Bundespräsident Heinz Fischer in Vilnius ein. Es stehe aber im Vergleich etwa zu Lettland - dem ein Rückgang von 15 bis 20 Prozent droht und das bereits um internationale Hilfen ansuchen musste - gut da. Tatsächlich verfügt das größte baltische Land über Währungsreserven in Höhe von 4,1 Mrd. Euro und die ausgewogenste Wirtschaftsstruktur unter den baltischen Republiken, erklärte der Leiter der österreichischen Außenhandels-Zweigstelle in Riga, Herwig Palfinger. Der Finanz- und Immobiliensektor macht 15 Prozent des BIP aus, die konventionelle Industrie rund ein Viertel.

Für problematisch erachtet Palfinger allerdings die andauernde Auswanderung der "besten oder unternehmerischsten Köpfe" in die alten EU-Länder: Im Vorjahr verließen 100.000 Menschen Litauen, hauptsächlich in Richtung Großbritannien. Zudem hat Litauen eine negative Leistungsbilanz (2008: - 12,8 Prozent), die es kaum ausgleichen könne.

Sparmaßnahmen

Die litauische Regierung - seit Ende des Vorjahres ist eine Mitte-Rechts-Koalition im Amt - setzt gegenwärtig auf Sparmaßnahmen, darunter Gehaltskürzungen bei Beamten und eine teilweise Erhöhung der Mehrwertsteuer. "Wir haben der Stabilisierung der Staatsfinanzen die höchste Priorität eingeräumt", erklärte Adamkus am Freitag zur Eröffnung des bilateralen Wirtschaftsforums "Erneuerbare Energien und Energieeffizienz". Fischer unterstrich am Vortag im Gespräch mit Journalisten, dass "man bei den notwendigen Sparmaßnahmen nicht jene dünne Linie überschreiten darf, wo es zu Manifestationen kommt".

Schwierigkeiten kommen auf Litauen zudem mit der vereinbarten Abschaltung des AKW Ignalina zu, das derzeit 70 Prozent des litauischen Strombedarfs deckt. Das Land gilt als "Energieinsel" innerhalb der EU, weil es wegen seiner 50-jährigen Zugehörigkeit zur Sowjetunion nicht an die europäischen Netze angebunden ist. Litauen droht mit einem Schlag in enorme Abhängigkeit von Russland zu geraten, die Strompreise werden aller Voraussicht nach deutlich steigen. Adamkus betonte zwar, Litauen bereite sich "bewusst" auf die Zeit nach Ignalina vor - geplant ist mittelfristig ein AKW-Neubau, ein Unterwasserkabel von Schweden ins Baltikum und die Anbindung via Polen -, appellierte aber zugleich an die europäische Solidarität.

Alternativ-Energie

Für die österreichischen Firmenvertreter aus dem Sektor der Alternativ-Energie und Energie-Effizienz dürfte interessant sein, dass beides laut Adamkus an Bedeutung gewinnen wird, auch um "die Abhängigkeit von internationalen Energielieferanten" zu vermindern. In Richtung Regierung mahnte der Präsident die Rahmenbedingungen ein. "Wir sollten unsere Hausaufgaben machen und Finanzinstrumente schaffen", sagte Adamkus.

WKÖ-Vizepräsident Richard Schenz sieht "annähernd gleiche Voraussetzungen" wie in Österreich. Litauen ist wald- und wasserreich, für Windenergie besteht laut der Außenhandelsstelle Helsinki an der Ostseeküste Potenzial. 15 österreichische Firmen führten im Rahmen einer Marktsondierungsreise in den vergangenen Tagen laut Schenz etwa 100 Einzelgespräche mit litauischen Partnern. Palfinger zufolge dürfte diese zum Beispiel beim Biomasse-Anlagen-Hersteller Polytechnik in konkrete Projekte münden.

Dass Litauen seinen letzten verbleibenden Sowjet-Reaktor trotz aller gegenteiliger Versicherungen wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Problemen weiterlaufen lassen könnte, wie viele vermuten, kann sich der Leiter des Außenhandelsbüros in Riga "wirklich nur vorstellen, wenn es in Europa ein grundlegendes Umdenken gibt". (APA)

Share if you care.