20 Jahre Haft für Interesse am Feminismus

13. März 2009, 10:48
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Das "Verbrechen" von Parwez Kambakhsh bestand darin, dass er einen Artikel über die Stellung der Frau im Islam aus dem Internet herunterlud und verteilte

Besonders stolz dürfte der Oberste Gerichtshof des 2001 durch die USA von der Taliban-Herrschaft befreiten Afghanistan nicht auf seine Entscheidung gewesen sein, denn erst nach einem Monat drang die Kunde davon an die Öffentlichkeit: Das Urteil von 20 Jahren Haft für den Journalismusstudenten Parwez Kambakhsh ist definitiv bestätigt. Kambakhsh selbst, seine Anwälte und die Familie wussten nichts davon und wurden nicht verständigt. "Wir fanden es heraus", schreibt sein Bruder Yakub Ibrahimi.

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Da hatte der 24-jährige Parwez wohl etwas zu wörtlich genommen mit der afghanischen Meinungsfreiheit und Demokratie, in deren Aufbau die internationale Gemeinschaft seit Jahren Milliarden hineinbuttert. Sein Verbrechen, für das er im Jänner 2008 zum Tode verteilt wurde - die Strafe wurde später auf 20 Jahre reduziert -, bestand darin, dass er 2007 auf der Universität in Mazar-e Sharif aus dem Internet einen Artikel über die Stellung der Frau im Islam - von einem iranischen Autor verfasst - herunterlud und verteilte, der als islamkritisch empfunden wurde.

Soll sein, dass er islamkritisch war, soll sein, dass Kambakhsh sich mit den Inhalten identifizierte, soll sein, dass das in einer islamischen Gesellschaft wie Afghanistan zu Ärger mit der Justiz führt. Aber was danach kam, hatte wenig bis nichts mit einem fairen Prozess und minimalen Rechtsstandards zu tun.

Von Folter, erzwungenen Geständnissen und eingeschüchterten Belastungszeugen - 16 Kollegen und Lehrer der Universität unterschrieben gegen ihn - war die Rede. Kambakhsh selbst war im Oktober 2008 so völlig davon überzeugt, dass ihn die Affäre das Leben kosten würde, dass er sich über die Umwandlung in eine Haftstrafe, wenngleich 20 Jahre, freute. Menschenrechtsaktivisten hofften, dass dies der erste Schritt zu einer akzeptablen Regelung sei.

Zerrissenes Afghanistan

Früh tauchte die Vermutung auf, dass Parwez für seinen Bruder büßen sollte, der, ebenfalls Journalist, über die Menschenrechtsverletzungen und das Warlord-Unwesen geschrieben hatte. Dessen Wohnung und Büro wurden von der Polizei durchsucht. Später wandte sich die Familie um Unterstützung an ausländische NGOs; auch einige Medien - so sammelte The Independent mehr als 100.000 Unterschriften - nahmen sich des Falls an. Aber in einem zerrissenen Afghanistan, wo die Macht selbst des Präsidenten nicht über die Stadtgrenzen von Kabul hinausreicht, beeindruckt das niemanden. Und der Islam eignet sich immer trefflich als Argument, gegen Unliebsame vorzugehen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print 13.3.2009)

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    Der afghanische Student Parwez Kambakhsh (24) ist ein Justizopfer.


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