Wenn sie nur immer so streitbar wären

13. März 2009, 10:48
18 Postings

Das kritische Potenzial unser LehrerInnen schläft, wenn es wirklich ans Eingemachte geht - Von Katrin Burgstaller

Dass sich unsere LehrerInnen so streitbar zeigen, spricht für sie. Sind es doch unter anderem auch sie, die unseren Kindern Courage und kritisches Potenzial mitgeben sollen. Wenn PädagogInnen ihre Aufgabe ernst nehmen - nämlich Bildung zu vermitteln - gehört das auch dazu. Gut, wenn sie es auch vorleben.

Bestens besuchte Dienststellenversammlungen, Hartnäckigkeit und eine im Raum stehende Streikdrohung werden dieser Tage eindrucksvoll vorgeführt. Und selbst wenn man die Bedenken der LehrerInnen nicht teilt, ihre Fähigkeit gegen "die da oben" aufzubegehren muss gelobt werden.

Unpassend wird es, wenn dieses Engagement als allzu selbstlos dargestellt wird. Es wird so getan, als ginge es in erster Linie um die JunglehrerInnen und ihre Jobchancen. Und um die SchülerInnen, die unter der Verlängerung der Lehrerarbeitszeit bei gleicher Bezahlung zu leiden hätten.

Wenn es um die Kinder geht und wenn man sich sorgt, unter welchen Bedingungen LehrerInnen in Zukunft unterrichten müssen, dann gibt es weit heißere Eisen anzugreifen. Die Meldung, dass die von Unterrichtsministerin Schmied noch Ende des Jahres 2008 angekündigten zusätzlichen 30 Schulpsychologen doch nicht kommen, ist in der aktuellen Arbeitszeithysterie vollkommen untergegangen. Auch der Amoklauf an einer Schule in Deutschland hat unsere Politik, LehrerInnen und ihre Vertretung nicht wirklich aufgerüttelt. Erst das nächste tragische Ereignis an einer heimischen Schulen wird die Debatte wieder ankurbeln.

Im Hintergrund werden Bildungsstandards und Zentralmatura eingeführt. Ohne Zweifel gibt es darin auch Positives zu sehen. Aber unsere kritische und besorgte Lehrerschaft müsste doch dazu viel mehr Fragen haben. Was, wenn die Nicht-Einhaltung der Leistungsstandards eines Tages doch zu für die LehrerInnen sehr unerfreulichen Konsequenzen führt? Was werden unsere PädagogInnen tun, damit all ihre SchülerInnen die einheitlich vorgegebenen Bildungsziele erreichen? Welcher Teil der Bildungsaufgaben wird dann unter den Tisch fallen? Wird die Unterrichtsqualität unter dem neuen System leiden? Die Einführung der Bildungsstandards und der Zentralmatura sind ein radikalter Eingriff in unser Bildungssystem. Er wird bei weitem nicht in angemessener Intensität diskutiert. Im Vergleich dazu ist die mögliche Arbeitszeiterhöhung ein Klacks.

Schon die Umstellung auf das Bolognasystem an den Hochschulen hat gezeigt, wie Bildung durch ein allzu reglementiertes System beschnitten werden kann. Die Radikalität dieser Umstellung wurde von den maßgeblichen AkteurInnen verkannt. Heute sind die Folgen erst in ihren Anfängen sichtbar. Selbstverständlich - die LehrerInnen sollen, müssen und dürfen sich für ihre (Arbeits)rechte einsetzen. Dass dieses kritische Potenzial jedoch schläft, wenn es ans wirklich Eingemachte geht, ist trotzdem ein Trauerspiel. (Katrin Burgstaller, 13. März 2009)

Share if you care.