Heimische Forscher fürchten, dass die besten Köpfe künftig von vornherein auf akademische Karriere verzichten
Wien - Schlimme Folgen vor allem für den
Forschernachwuchs fürchten Wissenschafter quer durch die Disziplinen aufgrund der
derzeitigen "Handlungsunfähigkeit" des Wissenschaftsfonds FWF. Die Mikrobiologin
Renee Schroeder (Universität Wien) sieht die Aufbauarbeit bei der Förderung von
Jungwissenschaftern über rund zehn Jahre und "die Vertrauensbasis auf einen
Schlag zerstört".
Dass der FWF "wegen unklarer Budgetierung" bis Mai keine Vergabesitzungen
mehr durchführen kann, wie der Präsident des Fonds, Christoph Kratky, in einem
Brief an die Wissenschafter mitteilte, sei "ein schlimmes Signal", bemängelte
Schroeder. Gerade am Beginn einer wissenschaftlichen Karriere
seien viele auf FWF-Projekte angewiesen. Nun könnten gerade die besten Köpfe von
vornherein auf eine akademische Karriere verzichten.
Qualitätskontrolle
Selbst wenn finanzielle Mittel vom FWF direkt an die Unis umgeschichtet
würden, sei das keine gute Entwicklung, betonte Schroeder. "Der FWF garantiert
eine ausgezeichnete Qualitätskontrolle der Forschungsprojekte", ist die
Forscherin überzeugt. Mehr Geld für die Unis und weniger für den FWF würde daher
wieder einen Schritt in Richtung Gießkannenprinzip bedeuten.
Geisteswissenschaften
Der Philosoph Konrad Liessmann (Universität Wien) betonte, dass ein Ausfall von
FWF-Mitteln für den wissenschaftlichen Nachwuchs auch große soziale Probleme
nach sich ziehe - gerade in den Geisteswissenschaften, wo die Jobaussichten
außerhalb der Unis bekanntlich bescheiden seien. Die Leute würden nicht selten
bis zu einem Jahr oder länger gleichsam in der Luft hängen. Bisher seien rund 50
Prozent der beim FWF eingereichten Projekte im Bereich der Geistes- und
Sozialwissenschaften genehmigt worden. Das habe doch wenigstens eine gewisse
Sicherheit für Nachwuchsforscher bedeutet.
Verantwortung
Der Wissenschaftssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, machte in einer
Aussendung unter anderem Finanzminister Josef Pröll für die Situation
verantwortlich. Durch seine "ohnedies reichlich späte" Budgetrede blockiere
Pröll "zentrale Entscheidungen für die Zukunft von ForscherInnen und ihrer
Arbeit, obwohl die Budgetverhandlungen längst abgeschlossen sind".
Der Finanzminister inszeniere sich hier auf Kosten der Forschung, so
Grünewald. Sechs Monate ohne finanzielle Mittel in der wissenschaftlichen
Forschung würden verheerende Folgen für die Zukunft und die Entwicklung
Österreichs im internationalen Vergleich nach sich ziehen. "Wenn in der äußerst
kompetitiven Grundlagenforschung aktuell geplante Projekte nicht sofort
gestartet werden können, kann man sie gleich bleiben lassen." Mit der ständigen
Vertagung der Vergabesitzungen durch den FWF "werden ForscherInnen verunsichert,
die AntragsstellerInnen und ProjektleiterInnen frustriert", so der
Wissenschaftssprecher der Grünen. (APA)