Verbot von Killerspielen

12. März 2009, 19:43
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"Weg mit dem Schund", sagt Andrea Schurian - "Die Gewalt verschwindet nicht", entgegnet Alois Pumhösel

PRO: Weg mit dem Schund  
Von Andrea Schurian

"Vergletscherung der Gefühle" nennt Regisseur Michael Haneke jenen soziopathischen Ausnahmezustand, wenn Killergames, Horrorschund, Videoschrott und TV-Trash ihre Faszination verlieren. Wenn man "es" sehen will: die Angst, das Leiden, Krepieren, letztes Röcheln in echt, Tod auf Augenhöhe. Wenn der Ego-Shooter zum ganz realen Massenmörder wird.

Gewaltvideospiele hinterlassen, wie eine Studie der Radiological Society of North America belegt, nachweisbare Spuren im menschlichen Gehirn und stimulieren besonders jene Regionen, die für emotionale Erregung zuständig sind, während sie gleichzeitig die Aktivitäten in Regionen der Selbstkontrolle vermindern. Sicher: Nicht jeder, der virtuell schießt, will auch im wirklichen Leben jemanden umbringen. Da bedarf es noch anderer Zutaten wie einer labilen Psyche, väterlichen Einzelunterrichts im Waffengebrauch, frei herumliegender Pistolen im Elternschlafzimmer.

Aber selbst Wissenschafter, die einem Verbot von Killergames skeptisch gegenüberstehen, geben zu: Computerspiele dienen der Systematisierung und Speicherung wichtiger Erfahrungen mit der Welt und sich selbst. Was genau lernt man also am virtuellen Schießstand? Kaltblütigkeit? Die Brachiallösung von Konflikten? Dass in einer undemokratischen Machowelt das Recht des Stärkeren gilt? Dass Schießwut aus einem verkorksten Ego einen Helden machen kann?

Verbotsgegner argumentieren, dass Counterstrike nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene attraktiv ist. Ja und? Das macht den Schund nicht besser. Weg damit!

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KONTRA: Die Gewalt verschwindet nicht
Von Alois Pumhösel

Killerspiel-Alarm! "Counterstrike" und Konsorten wurden auch im waffenlastigen Haus des Amokläufers von Winnenden gefunden. - Genauso wie sie sich auf zig Millionen anderer Rechner und Konsolen finden. Die Schuldzuschreibungen überschlagen sich, und sie verstellen den Blick auf die größeren Zusammenhänge.

Nicht ganz neu: Spiele lösen andere Unterhaltungsformen ab. Die Familie als kontrollierende Instanz hinkt der sich schnell wandelnden Technologie nach und schiebt die Aufgaben auf die Politik ab. Und dort herrscht Sehnsucht nach einfachen Erklärungen: Weil die schrecklichen Handlungen in der Schule den virtuellen gleichen, ist Populismus billig.

Eine Gesellschaft, die ihre Aggressionen hinter freundlicher Fassade verdrängt, wenn sie nicht gerade Kriege führt, braucht sich nicht zu wundern, dass diese Seiten in Medien und Spielen zum Vorschein kommen. Ein Symptom des Missstands zum Sündenbock zu machen zeigt nur eine konsequente Ignoranz. Eine Gesellschaft, die offenbar auch Amokläufer hervorbringt, wird durch hilflose Verbote vermuteter Einflussgrößen nicht geheilt. Wenn sich die Gesetzgebung konstruktiv mit dem Phänomen auseinandersetzen möchte, wären ein Jugendschutz, der konsequent umgesetzt wird, und regulierte Gewaltdarstellung - ähnlich wie im TV - bessere Möglichkeiten.

Die Gewalt verschwindet jedenfalls nicht aus der Welt, wenn man ihre virtuelle Imitation verbietet. (DER STANDARD - Printausgabe, 13. März 2009)

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