Repression, der Joint und die Nadel

12. März 2009, 19:36
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Staatlich kontrollierte Drogenabgabe ist eine überlegenswerte Alternative zur harten Linie - Von Michael Möseneder

Sucht ist eine Krankheit. Dem stimmen auch Hardliner zu. Aber seltsamerweise kommt bei keiner anderen Krankheit jemand auf die Idee, militärische Mittel zur Beseitigung einzusetzen. Unzählige Milliarden haben die USA in die Versuche gesteckt, das Problem illegaler Drogen an der Wurzel auszurotten - und die Felder, auf denen Schlafmohn und Cocasträucher wachsen, mit Feuer und Schwert zu vertilgen.

Das Resultat des ressourcenintensiven Feldzuges gegen die illegalen Drogen: gleich null. Die Zahl der Süchtigen verändert sich nicht messbar, die Preise auf den Straßen schwanken nur leicht. Interessant übrigens, dass sich auch Polizeierfolge, bei denen Tonnen beschlagnahmt werden, nicht wirklich auf Angebot und Nachfrage auswirken. Was beweist, dass derartige Mengen an Heroin, Kokain und Cannabis gehandelt werden, dass Ausfälle problemlos verkraftet werden können.

Nicht nur die USA in Südamerika und die Nato in Afghanistan pumpen Unsummen in diesen offensichtlich fruchtlosen Kampf. Auch in Österreich braucht der Staat viel Geld dafür. Rund 24.000 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz schickt die Polizei jährlich an die Staatsanwaltschaften. Die sich wiederum Zeit nehmen müssen zu entscheiden, ob es auch zu einer Anklage kommt. Die überwiegende Anzahl der Anzeigen betrifft nämlich Cannabis, und nicht sogenannte harte Drogen.

Doch wo ansetzen? Ausgemergelte Gestalten, die auf der Straße dahinvegetieren und verzweifelt versuchen, irgendwie (meist illegal) zu Geld zu kommen, sind natürlich ein Auftrag, etwas zu unternehmen. Was die repressive Methode, gleich ob auf Anbieter- oder Konsumentenseite, bringt? Siehe oben. Selbst die Androhung und Durchführung der Todesstrafe in manchen Staaten bringt kein Ende des Schmuggels, sondern lediglich höhere Preise.

Die Illusion einer drogen- und rauschlosen Gesellschaft wird von Publizisten und Politikern dennoch nicht aufgegeben. Natürlich verständlich, wenn man sich um die eigenen Kinder sorgt - aber vollkommen sinnlos. Doch auch andere Vorurteile bleiben: Es fängt mit einem Joint an und endet an der Nadel etwa. Auch wenn Suchtforscher hundertmal nachweisen, dass Alkohol und Nikotin Einstiegsdrogen sind und kaum ein Junkie sofort mit Cannabis angefangen hat.

Wir werden weltweit also weiter mit Drogen und Sucht leben müssen. Kann die völlige Freigabe jeglicher Drogen eine Lösung sein? Die Experten sind uneins. Steigen würde der Konsum, ob er aber epidemische Ausmaße annimmt, wird bezweifelt. Kontrolliert müsste die Abgabe in jedem Fall erfolgen - wie in Skandinavien, wo der Wodka für die private Party auch in speziellen Läden gekauft werden muss.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass so eine Maßnahme die organisierte Kriminalität schwer treffen würde. Die ist am Geldverdienen interessiert. Sinken die Preise, weil der Staat einen Mindestpreis vorgibt, wird die Sache zusehends uninteressant. Würde dies für Bauern sämtliche andere landwirtschaftliche Produkte uninteressant machen? Nicht unbedingt, der Bedarf an Lebensmitteln bleibt ja bestehen.

Unvorstellbar also, dass Kokain in der Apotheke zu kaufen ist? Nun ja, Alkohol gibt es in jedem Supermarkt in breitester Auswahl. Stoff, den rund 330.000 Erwachsene brauchen, da sie alkoholabhängig sind. Für die illegalen Drogen liegen die Schätzungen des Anton-Proksch-Instituts bei 20.000 bis 30.000 Abhängigen. Auch wenn es zynisches Aufrechnen von Kranken ist - bei dem gewaltigen Aufwand, der weltweit in die Bekämpfung der illegalen Drogen gesteckt wird, sollte man doch einmal überlegen, ob das Geld nicht besser in Prävention und Behandlung der Krankheit Sucht angelegt wäre. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 13. März 2009)

 

 

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