"Innovation macht Geldmangel wett"

12. März 2009, 19:33
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Universitätsvordenker James Duderstadt über Herausforderungen der Finanzkrise

Wien - Die Weltfinanzkrise hat auch die US-Universitäten erfasst und zwingt Hochschulen wie Harvard, Yale und Stanford, die rund ein Drittel ihrer laufenden Kosten aus ihren Kapitalerträgen gedeckt haben, zu drastischen Kürzungen. Auch öffentliche Universitäten, die den Großteil der amerikanischen Studenten ausbilden, stehen vor finanziellen Problemen. Sie sind den Bundesstaaten unterstellt, und denen geht als Erste das Geld aus.

Diese neue schmerzhafte Erfahrung könnte zu einem Umdenken in der US-Bildungspolitik führen, glaubt James Duderstadt, der ehemalige Präsident der University of Michigan und einer der internationalen Vordenker für internationale Universitätspolitik. Der Technikprofessor und Zukunftsforscher hielt Donnerstagabend am "Dies Academicus" der Universität Wien einen Vortrag über die globalen Herausforderungen für Universitäten.

"Unser System ist kaputt, wir sind viel zu abhängig von privaten Geldern", sagt er im Standard-Gespräch. "Leise wird darüber nachgedacht, eine nationale Strategie für höhere Bildung zu entwickeln, so wie es bei den Banken geschieht." Bisher habe die Regierung in Washington immer nur einzelne Personen - Professoren oder Studenten - finanziell unterstützt, aber nie Institutionen. Dies könnte sich nun ändern.

Dabei könnte sich die Obama-Regierung Europas Bildungs- und Forschungspolitik als Vorbild nehmen. Denn die Existenz nationaler und EU-weiter Bildungsstrategien sei einer der großen Standortvorteile des alten Kontinents, der den chronischen Geldmangel der europäischen Universitäten ein wenig wettmacht.

Aber auch Europa, wo 90 Prozent der Uni-Budgets von der öffentlichen Hand kommen (in den USA sind es 45 Prozent, der Rest sind Studiengebühren und Spenden), wird umdenken müssen, wenn es bei Spitzeninstitutionen mithalten will, glaubt Duderstadt. "Man kann keine Forschungsuniversität der Weltklasse allein mit öffentlichen Geldern schaffen, nicht in Zeiten einer alternden Gesellschaft."

Aber was kann man tun, wenn es in einem Land an Spendenkultur fehlt und Studiengebühren ein Tabu sind? Duderstadt hat keine eindeutige Antwort, aber er setzt große Hoffnungen auf die Chancen der Wissensverbreitung durch neue Technologien und dem Bau einer Cyber-Infrastruktur - wie etwa das Google-Bücherscanprojekt, das von Michigan ausging. "Man kann Geldmangel durch Innovation wettmachen. Doch dafür braucht man eine Führung, die zu Experimenten bereit ist." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. März 2009)

  • James Duderstadt, ehemaliger Präsident der University of Michigan, im Standard-Interview: "Unser System ist kaputt."
    foto: standard/regine hendrich

    James Duderstadt, ehemaliger Präsident der University of Michigan, im Standard-Interview: "Unser System ist kaputt."

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