"Die Täter sind jünger geworden"

12. März 2009, 19:10
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Nur das engere Umfeld könne bemerken, wenn sich Jugendliche gefährlich verändern, sagt Experte Lothar Adler

Verbote von Waffen und Gewaltvideos lehnt er im Gespräch mit Birgit Baumann ab.

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STANDARD: Probleme haben viele Jugendliche. Warum aber wird jemand zum Amokläufer?

Adler: Eindeutig kann man das nicht sagen. Die Forschung hat ergeben, dass diese Menschen nicht nur unter einem aktuellen psychologischen Konflikt leiden, sondern auch eine biologische Störung haben. Sie haben zu wenig Serotonin. Zudem sind sie auch Einzelgänger, aggressiv und instabil.

STANDARD: Wie erleben Amokläufer selbst ihre Tat?

Adler: Sie wissen danach meist gar nichts davon, sie blenden das völlig aus. Amokläufe sind in den vergangen Jahren auch nicht mehr geworden, allerdings sind die Täter jünger. Das liegt daran, dass alle emotionalen Erfahrungen, wie die erste Liebe oder Gewalttaten, immer früher passieren.


STANDARD: Inwieweit versagen Eltern, wenn ein Kind Amok läuft?

Adler: Einerseits ist es für Eltern oft schwierig, etwas zu merken. Schwierige Phasen in der Pubertät machen schließlich hunderttausende junge Menschen durch. Und beim Amokläufer baut sich der Frust oft jahrelang auf, bis der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Andererseits ist es doch die engere Umgebung, die merken muss, wenn sich jemand sehr verändert.

STANDARD: Warum trifft es immer wieder Schulen?

Adler: Die Schule ist der Ort, an dem man mit wenig Aufwand viel erreichen kann. Außerdem haben viele Schüler gerade dort große Kränkungen erfahren, und dann werden alte Rechnungen beglichen.

STANDARD: Gewaltvideos sind schuld, heißt es oft nach einem Amoklauf. Kann man das so sagen?

Adler: Nein, genauso wenig kann man das Problem allein auf den Waffenbesitz schieben. Von allen Amokläufern waren nur zehn Prozent echte Waffenfanatiker. Vor 30 Jahren, als wir mit Amok-Forschung begannen, mutmaßten viele noch, Amokläufe hätten etwas mit der sexuellen Befreiung der Gesellschaft zu tun. Aber man kann ein seltenes Phänomen nicht durch ein Massenvorkommnis erklären.

STANDARD: Es macht also auch keinen Sinn, den Besitz von Waffen zu verbieten?

Adler: Nein, es gibt in Deutschland zwei Millionen Bürger mit Waffenschein, eine Million Soldaten, eine Million Polizisten. Das sind nicht alle potenzielle Amokläufer.


STANDARD: Das klingt, als müsse man Amokläufe eben als unvermeidbar hinnehmen - so ähnlich wie Naturkatastrophen.

Adler: Vor manchen Lebensgefahren kann man sich einfach nicht schützen. Es kann ja auch ein Flugzeug abstürzen, oder man kann Opfer eines Al-Kaida-Anschlags werden. Aber es gibt schon Ansatzpunkte, um vorzubeugen, und das geschieht in Deutschland ja auch. So zeigt sich etwa ein Drittel der Amokläufer vor der Tat in martialischen Positionen. Psychologen an Schulen können da intervenieren und so eine Menge Leid verhindern. (Birgit Baumann, DER STANDARD - Printausgabe, 13. März 2009)

Zur Person
Lothar Adler (61) ist Professor für Psychiatrie in Mühlhausen in Thüringen. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Amokläufen und hat 500 Taten untersucht, 200 davon in Deutschland.

  • Lothar Adler ist Professor für Psychiatrie in Mühlhausen in
Thüringen.
    foto: privat

    Lothar Adler ist Professor für Psychiatrie in Mühlhausen in Thüringen.

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