Warum die Schulpolitik nicht richtig tickt

Eine Erhöhung der Unterrichtszeit ist kontraproduktiv - Plädoyer für ein neues Zeitmanagement an Österreichs Schulen - Von Roland Fischer

Eine persönliche Bemerkung vorab: Meine Zeit als BHS-Lehrer liegt schon lange zurück und dauerte auch nur kurz - nicht ganz zwei Jahre. Ich unterrichtete damals circa ein halbes Jahr wesentlich mehr als 20 Stunden pro Woche, und das war nicht gut. Vorbereitung, Nachbereitung gab es kaum, und ich hätte es auch physisch auf längere Zeit nicht durchgehalten. Das Einkommen allerdings war gut ...
Mittlerweile seit vielen Jahren auf wissenschaftlicher Basis mit Fragen der Lehrerbildung befasst, verfolge ich di aktuelle Debatte um die Lehrerarbeitszeit in mehrfacher Hinsicht mit Sorge:

1. Bei der Bewertung von Unterrichtszeit genügt es nicht, Vor- und Nachbereitung ins Kalkül zu ziehen. Unterrichten heißt, im Zentrum der Aufmerksamkeit von 20 bis 30 Menschen zu stehen, mit der entsprechenden eigenen Aufmerksamkeit, Anspannung, Verantwortung. Das ist mit einer "Schreibtischzeit" oder der dem Erfahrungsaustausch mit Kollegen und Kollegen gewidmeten "Kommunikationszeit" nicht vergleichbar. Letzteres ist 40 Stunden pro Woche möglich, Ersteres nicht.

2. Die Lehrer/innen vertreten ihre Sache schlecht. Sie sind hauptsächlich beleidigt - was verständlich ist, aber kein Programm sein darf - und argumentieren lediglich aus einer Position des Partikular-Interesses. Das ist zu wenig, weil man damit Menschen, die dieses Interesse nicht unmittelbar teilen, nicht gewinnen kann. Und es ist erst recht nicht ausreichend, wenn man den Anspruch stellt, dass Lehrer/innen an einer Weiterentwicklung des Bildungssystems interessiert sein sollten.

3. Diese Performance der Lehrer/innen in der aktuellen Diskussion - und man soll nicht sagen, das sind nur die Lehrervertreter und Gewerkschafter, schließlich wurden diese von den Lehrenden zu solchen gemacht - ist für mich ein zusätzlicher Grund, dem Vorhaben, sie noch mehr unterrichten zu lassen, mit äußerster Skepsis zu begegnen. Auffallend auch die seltsame Widersprüchlichkeit in der öffentlichen Meinung: Lehrer werden nicht wertgeschätzt, aber sie sollen mehr unterrichten. Für die Kinder sind sie offenbar gut genug.

4. Ich denke, wir brauchen Lehrer mit weitem Horizont, Lehrer, die über die unterrichtliche Tätigkeit hinausblicken bzw. diese in größere Zusammenhänge einbetten können. Durch mehr verpflichtende Unterrichtszeit wird man das nicht erreichen - im Gegenteil. Außerdem trifft diese Maßnahme primär die besonders engagierten Lehrer, die viel Zeit für die Gestaltung ihres Unterrichts aufwenden.

5. Ich bin mir auch nicht sicher, ob für Schüler/innen mehr Kontakt mit Lehrer/innen zweckmäßig ist, ganz abgesehen davon, dass ich mir als Schüler das nicht gewünscht hätte. Mehr als fünf Stunden verpflichtenden Unterricht pro Tag halte ich für eine Zumutung. Schüler brauchen Eigenarbeitszeit, auch Arbeitszeit mit Peers außerhalb der Unterrichtszeit ist wichtig, zumindest ein Teil der täglichen Arbeitszeit (erst recht Freizeit) sollte selbstbestimmt und nicht von Lehrkräften vorstrukturiert sein. Ganztägig (acht Stunden) von Lehrern umzingelt zu sein ist für mich eine Horrorvorstellung.

6. Ich halte es schon für sinnvoll, dass die Lehrer/innen deutlich mehr als die Unterrichtszeit in der Schule verbringen - für Beratungen der Schüler, für Arbeiten mit Kollegen, in hoffentlich geringem Ausmaß für Administration. Also etwa insgesamt 30 Stunden pro Woche in der Schule.
Dass es dann noch zehn Stunden gibt, die zeitlich und örtlich frei gestaltet werden können und müssen, ermöglicht genau jene Autonomie und jene Spielräume, deren produktive Nutzung ich mir von einem guten Lehrer erhoffe. Mag schon sein, dass dann einige diese Zeit nicht zum Wohle ihrer Schultätigkeit nutzen werden, aber der Mehrwert, den die Guten bringen, überwiegt.

7. Unter den gegebenen Umständen haftet dem Wunsch, Lehrer und Schüler sollen mehr in der Schule sein, allerdings etwas Paradoxes an: Wir leben in Arbeits- und Freizeitwelten, in denen zunehmend Selbstorganisation, insbesondere zeitliche Selbstorganisation, gefordert ist. Das "Selbst" ist einerseits das Individuum, aber auch Kollektive wie Arbeitsgruppen, kleine Teams oder Freundesgruppen müssen sich selbst organisieren. Darauf vorbereiten zu wollen, in dem man die vorstrukturierte Zeit in der Schule vermehrt, ist schon eigenartig.

8. Unerträglich ist für mich inzwischen der polemische Sager: "Auch die Lehrer müssen einen Beitrag leisten" : Weil er suggeriert, dass alle anderen, oder zumindest die meisten, ihren Beitrag bereits geleistet hätten. Eher verständlich wäre: "Auch der öffentliche Dienst muss seinen Beitrag leisten" , etwa durch eine Gehaltskürzung. Das Pech der Lehrer ist aber offenbar, dass sie für etwas Wichtiges "zuständig" sind, das auch der Regierung ein besonderes Anliegen zu sein scheint: Bildung. Darum kann man ihnen, den Lehrern, dann auch leicht "moralisch kommen" . - Fazit: Es bräuchte ein anderes Zeitma-nagement in der Schule - eine neue Arbeitsökonomie, die teils individuell, teils kollektiv bewältigt werden müsste. Voraussetzung dafür ist mehr Flexibilität - unter anderem ein Abgehen von starren Unterrichtsstunden-Rhythmen, aber auch von einer starren Aufteilung der Lehrer-Arbeitszeit auf Unterrichten, Beraten, Vorbereiten, Administrieren ... Auch die Verteilung der Schüler-Arbeitszeit müsste flexibler gehandhabt werden, als das derzeit der Fall ist.

Ein Dienstrecht für Lehrer/innen darf nur einen sehr groben Rahmen vorgeben - etwa 30 Stunden in der Schule -, der Rest ist an der Schule zu entscheiden. Eine Maßnahme wie die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung, die ganz im Rahmen des derzeitigen Denkens in zentralen Steuerungsstrategien verbleibt, ist kontraproduktiv. (Roland Fischer/DER STANDARD-Printausgabe, 13. März 2009)

*Roland Fischer ist Dekan der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Universität Klagenfurt.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 136
1 2 3 4
Es mag schon sein, dass die Lehrer derzeit

vor allem beleidigt wirken. Kein Wunder nach der miesen Kampagne.

Damit sie endlich ernsthaft verhandeln können, muss man ihnen endlich zugestehen, dass die Fakten auf den Tisch kommen.

Derzeit dominiert die gezielte Desinformation aus dem BMUK die öffentliche Diskussion.

Was die Schizophrenie des Österreichers betrifft, hat Prof. Fischer nichts Neues entdeckt: Wir hassen alle Ausländer und schätzen den türkischen Kollegen. Wir finden, dass Lehrer faul und angerührt sind und freuen uns, dass die junge Lehrerin unserer Kinder sich so engagiert.

Dass sie ab Herbst nicht mehr an der Schule sein wird, wollen wir ja nicht wissen.

Verlogenheit des Ministeriums bezahlen die Schüler, Eltern und Lehrer

Genau. Und wenn ihr befristeter Vertrag im Herbst nicht verlängert wird, wird sie nach der Diktion des Ministeriums ja auch nicht entlassen ("Kein Lehrer wird entlassen" - O-Ton BM Schmied) - sie werden lediglich nicht verlängert, oder im Falle von Absolventen, gar nicht erst beschäftigt.
Die Teilungsziffer der Klassen beträgt ja auch 25 - im Herbst habe ich wieder zwei Klassen mit 30 Schülerinnen und Schülern - ein großes Rätsel, das erst, wenn man den Neusprech des Ministeriums übersetzt, durchschaubar wird, genau wie die "Umschichtung" von zwei Stunden, die eigentlich eine unbezahlte Erhöhung um ca. 3-4 Arbeitsstunden gewesen wäre, die jetzt erst - o Wunder - explizit eingefordert wird...

ich war selbst mal Lehrer.

Die 40h später im Büro waren ein Klacks gegen die 20h im Klassenzimmer.

Aber das weiß vermutlich nur, wer es selbst einmal erlebt hat. Für Nicht-Lehrer klingt eine 20h-Woche ja wie Luxus.

Unterrichten heißt, im Zentrum der Aufmerksamkeit von 20 bis 30 Menschen zu stehen.

Einen Unterricht dieser Art noch zu verlängern, wäre wirklich ein Schaden.
Verwechseln sie da nicht eine Lehrerin, einen Lehrer mit einem Zirkusartisten?
(Gut für sie und ihre SchülerInnen, dass sie aufgehört haben.)

Vielleicht trifft es diese Formulierung für Sie besser:

Unterrichten heißt, für die Dauer der Unterrichtseinheit, permanente und uneingeschränkte Präsenz und Konzentration (ich glaube, das ist es , was Herr Fischer gemeint hat). Es gibt kein Abschalten, und man muss permanent physische und psychische Energie investieren, um den Prozess entsprechend zu steuern. Das ist es, was den Beruf so anstrengend macht, und was niemand nachvollziehen kann, der nicht selber einmal in einer Klasse oder in einem Fortbildungskontext gearbeitet hat.

Genau. Bei meinen ersten Unterrichtsstunden habe ich nachher geglaubt, mich hätte ein Zug gestreift, so fertig war ich, und das obwohl die Stunden sehr gut gelungen sind.

Danke an einen, der weiß, was Sache ist!

Aaaahhh, wie wohltuend, das zu lesen! Dieser Mann weiß, wovon er spricht. Ich bin dafür, dass er zum ersten Berater für Ministerin Schmied ernannt wird - oder das er zumindest ihre jetzigen berät.
In einem Punkt stimme ich ihm nicht zu: 30 Stunden an der Schule sind viel zu viel, vor allem für Lehrer mit Korrekturfächern. Außerdem geht sich 1 Stunde Vor-Nachbereitung pro Stunde meistens gar nicht aus. Es würde also wieder in Richtung einer 50-60 Stundenwoche gehen!

Danke! Endlich einmal jemand, der eine Ahnung hat von dem, was er schreibt!

Einen der besten Artikel

die ich in letzter Zeit gelesen habe

genau - hervorragender Artikel!!

Roland Fischer sollte Minister werden.

Aber kann er in dieser Position das gleiche immer noch sagen? Oder kommt er da nur mit einer Meinungsänderung hin...

;)

Warum sagen die Lehrer eigentlich nicht, ich gehe nur in Klassen mit max. 25 Schülern, wenn ich zwei Stunden mehr unterrichten muß?

Nette Idee


aber nicht mal das können wir beeinflussen, wir werden nächstes Jahr erste Klassen mit knapp unter 30 Kindern eröffnen -- die 25 sind also ein SCHMÄH.

PS: Was man halt ganz extrem merkt bei Lehrern

ist der fehlende Eignungstest.

Da waren jene die ganz hervorragend in allen Bereichen waren und dann gabs die wo man merkte sie sind mit ihren Stärken und Schwächen an der Lehrerrealität gescheitert, haben abgeschaltet und fahren ein Minimumprogramm, haben jedoch nicht gekündigt dank Jobsicherheit (kann man es ihnen verdenkenbei der Wirtschaftslage?!). Ich versteh nur immer nicht warum sich alle vorzüglichen Lehrer derartig verarschen lassen von den anderen "Kollegen" die wenig bis nichts tun. Ich ließe mir das nicht gefallen. Warum nicht Mut zu neuen Systemen (und da rede ich ja gar nicht von den 2h die sicherlich nicht revolutinär sind/wären/sein werden).

Das Problem ist, dass wir in AT die besten für den Lehrberuf gar nicht mehr kriegen!

Unsere Gesellschaft drückt Wertschätzung auf 2 Arten aus: soziales Prestige & materielle Entlohnung.
ersteres verwehrt man den Lehrer/innen in diesem Land konsequent, letzteres ist nicht gerade berauschend. Dann ist es kein Wunder, dass es sich die motiviertesten & kreativsten Maturant/innen nicht antun wollen, sich für vergleichsweise wenig Geld als die "Obezahrer der Nation" vera****en zu lassen. Fazit: an den Lehrerausbildungsstätten landet so eine Negativauslese, & das Problem perpetuiert sich.

Die gibt es im Pflichtschulbereich bereits..

.. und auch die Studienpläne an Universitäten sehen mittlerweile spezielle Praxislehrveranstaltungen in der Mitte des zweiten Semesters vor. Soweit sollte man Berufsanfänger sich ja wohl orientieren lassen, zumal sie fachintern umsteigen können.

...die Schlechtesten wurden Hauptschullehrer

Ich erinnere mich genau an meine Maturaklasse, die 5 schlechtesten SchülerInnen gingen an die Pädak - die war leicht, verschult, kurz.... Wer fiel da schon durch? Und jetzt sind sie Hauptschullehrer.

Es gibt in allen Berufen Menschen, die damit nicht recht glücklich sind


und TROTZDEM gute Arbeit leisten, warum also nur die Lehrerinnen herauspicken?

Wie immer:

Es gibt den Lehrer der wie ein flammender Redner 6 Stunden lang sein bestes gibt und es gibt die Lehrer die:

a) in ihr Heft schauen
b) das vorlesen
[c) eine Skizze an die Tafel malen]
d) "Fragen?" sagt.
e) zurück zu a)

Persönliche Schullaufbahn:
Würd mal sagen ich hielt um den Daumen 25% für top vorbereitet (und auch uptodate mit ihren Unterlagen). 25% waren gut vorbereitet (haben aber meist alles schon im Kopf und brauchen nicht alles neu vorbereiten wie z.b. viele Lateinlehrer - was sich aber nicht negativ auf den Unterricht auswirkt), 25% waren "nur" pädagogisch unfähig und ließen sich von uns auf der Nase herum tanzen und 25 % sind die Halbtagslehrer, die sich nach Schema F (siehe oben) verhalten. Und die werden halt geduldet,

Wenn sie als Schüler

einen ganzen Vormittag lang 6 "flammende Redner, die ihr Bestes geben" hintereinander aushalten müssen, dann sind Sie
a) fix & foxi fertig
und haben
b) sicher nur einen mäßigen Lernzuwachs zu verzeichnen.

Ja, stellen Sie sich vor


ICH hab mich vom zweitgenannten zum erstgenannten Typ entwickelt (na nicht gerade flammend, das wär nicht sehr produktiv) -- und das geht den meisten Lehrerinnen so!

von b) zu a) ?? ; )

Das Verhältnis aller Angestellten in der Schulverwaltung plus den Lehrern, zur Anzahl der Schüler wäre interessant zu erfahren. Vielleicht kommt man dann drauf, wo die Kosten bei uns liegen.

Von Schwarz/Rot werden sie s nicht erfahren, das steht fest!

Alles gut und schön!

Alles absolut zu unterschreiben.

Jedoch kein Wort oder Vorschlag zum Qualitätsmanagement!

Das regt mich schon so lange auf...

jeder Beteiligte scheint mit dem Schulsystem unzufrieden zu sein:

Schüler: hoher Leistungsdruck, starres Stundensystem
Eltern: hoher Nachhilfebedarf, kein Nachmittagsbetreuungsangebot
Lehrer: keine Infrastruktur in der Schule, Ruf als Faulpelz unabhängig von der Individualleistung, geringe Einstiegsgehälter
Steuerzahler: eines der teuersten Schulsysteme Europas und maximal mittelmäßige Platzierung bei allen OECD-Vergleichen usw.

Salcher ist zwar nicht der Messias aber sein Vorschlag von "Schule von 8-16 Uhr und dann ist die Schule an dem Tag für Eltern, Lehrer & Schüler aus" hat was für sich. Die Lehrer müssen ja nicht durchgehend dort sein aber die Schüler sollten den gesamten Zeitraum + Pausen zum Lernen haben bzw. was gelehrt bekommen.

Posting 1 bis 25 von 136
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.