Theater um den Vertrag von Lissabon

12. März 2009, 18:49
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Das Theater im Bahnhof mit "Europa! Europa!" im Grazer Orpheum

Graz - Die Idee ist so originell wie typisch für das Theater im Bahnhof. In zwölf zufällig ausgewählten Szenen "spielt" die vollzählig angetretene Truppe - den Vertrag von Lissabon. Unter der Regie von Ed Hauswirth und Helmut Köpping und in der Dramaturgie von Rupert Lehofer wird "der wichtigste Gesetzestext Europas" in Theatersprache übersetzt. Dazu gehören, ja, die bildkräftige Gebärdensprache, aber auch denkbar skurrile Momente, die die Unmöglichkeit der Durchführung - des Projekts? des Vertrags? - sinnfällig machen.

Es geht wie immer und überall um Überforderung, Scheitern im Alltag und eben auch um die Komik, die dabei entsteht. Das TiB nimmt dabei Maß an den "gewöhnlichen Menschen" , die sich mit Europa auseinander setzen und sich den Vertrag zu eigen machen (oder auch nicht).

Wir wissen ja noch nicht, ob das komplizierte Vertragswerk je zum Tragen kommt; doch zumindest durch die Mittel, die das TiB so virtuos beherrscht, wird Lissabon schon jetzt wirksam. Mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung werden die darin beschworenen Werte der Demokratie und Solidarität, die Bürger- und Grundrechte auf ihre Umsetzung in der Praxis abgeklopft.

Der ästhetische Kern dieses im Grunde tragischen Materials liegt in der Sprachanstrengung und heißt Babylon, Gebärde, Klang und Show. Europa! Europa! ist die kritische Antwort auf jene Megashow, die Akrobaten eines anderen Kontinents auf Augenhöhe mit Europa bringen sollte, wie die gepflegte Stimme des melancholischen Kommentators aus dem Off dem Publikum bedeutet.

Angeblich sind 143 (!) Sequenzen vorbereitet, pro Abend werden zwölf gezogen, das TiB bleibt also seiner Improvisationskunst treu. Textpassagen aus dem Vertrag werden in verheißungsvollem (Der Binnenmarkt) oder resignierendem (Die Rechte älterer Menschen) Ton vorgetragen, mit lustiger Musikbegleitung (Verteidigungspolitik) in Gebärdensprache oder als dramatisierte Szenen.

Bizarr die Darstellung der Abstimmungsverhältnisse in der EU mit Soletti (16 für Österreich, 164 für Deutschland) und Absinth oder Changes, der von keinen Veränderungen kündende Auftritt einer finnischen Fabrikarbeiterin. Die Clowns Enzensberger, Habermas und Žižek fungieren als Assistenten, als ungeschlachte Akrobaten und philosophische Narren. Beim Premierenpublikum sprang der Funke (noch) nicht über, doch ist das Format übergreifend angelegt - und vielfach bereits ausverkauft. (Beate Frakele / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2009)

  • Artikelbild
    foto: tib / johannes gellner
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