Ausgefuchste Augenfallen

12. März 2009, 18:39
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Bei imagetanz 09 im brut Wien zeigen sich die Qualitäten der jungen Gegenwartschoreografie

Wien - Selten zuvor war die österreichische Tanzszene so reich an vielversprechendem Nachwuchs wie gerade jetzt. Einen Nachweis dafür liefert das Festival imagetanz 09, das noch bis zum 24. März im brut Künstlerhaus und im Konzerthaus läuft, wobei Kuratorin Bettina Kogler so programmierte, dass auch Arbeiten zu sehen sind, die sich noch in Entstehungsprozessen befinden und die trotzdem, oder deswegen, von erstaunlicher Frische und Qualität sind.

Dabei ist abzulesen, dass es in der jungen Choreografie den Konsens geben dürfte, auf anrührende Ich-Analysen zu verzichten. Eine Folge dessen ist eine stärkere Hinwendung zum Publikum. Zuschauer werden nicht mehr als Gegner gesehen, sondern als Komplizen für gemeinsame Abenteuer. Dabei sind "Täter" und "Zeugen" miteinander verbunden, ohne dass die Tänzer die Tribüne stürmen oder das Publikum auf die Bühne zerren müssen.

Als übergreifendes Thema zeigt sich die Frage nach der Repräsentation des Körpers in der Choreografie seines Handelns: In welcher Art, etwas zu tun - zum Beispiel zu tanzen - überträgt dieser Körper welche Informationen? Die aus Polen stammende Choreografin Ewa Bankowska etwa drehte an der Vorstellung dessen, was dancing to songs bedeutet: sicher nicht, eine "gute Figur" zu machen. Das Tanzen ist ein körperlicher Vorgang, der eben nicht zuerst dazu da ist, irgendwelche Geschmackskriterien zu erfüllen. Beim Tanzen lässt der Körper seinen Geist sich austoben. Das zeigte ebenfalls der Berliner Frédéric Gies in seinem Stück Dance (Praticable). In dem Solo springt ein junger Mann in T-Shirt und kurzen Hosen zu Songs von Madonna auf der Bühne, offensichtlich nach einem genau kalkulierten Ablauf und ohne die Ambition, sexy oder virtuos zu wirken.

Was da zuerst dilettantisch wirkt, erweist sich im Verlauf des Stücks als ausgefuchste Augenfalle. Wer hier den "Durchblick" gewinnt, sieht die Körperinnenräume des Tänzers tanzen. Und das ist dem Duett Dance von Rotraud Kern mit Amanda Piña nicht unähnlich. Die beiden Frauen nehmen die abschätzige Metapher der "Hüpfdohle" für Tänzer wörtlich: Mit coolem Konzept springen sie - als Antipodinnen zu Derwischen - in einen ekstatischen Zustand. Das bedeutet harte Arbeit im Geist eines spielfreudigen Rationalismus, der mit diebischem Vergnügen an den Schleusen der Emotionen hantiert.

Und mit derselben ironischen Distanz bei gleichzeitiger Ausstellung größtmöglicher Hingabe stellt sich Magdalena Chowaniec als singende Tänzerin auf die Bühne. Ganz der Gegenpol zu der dämonischen Selbstinszenierung von Soap&Skin, präsentierte sich Chowaniec in zwei Konzertperformances als Karikaturistin der Popmusikkirche, und das auch mit einer subversiv dilettantistischen Note.

Diese wiederum wurde von Andrea Maurer und Thomas Brandstätter in performance must go -> in eine wunderbare, objekttheaterhafte Zeichenchoreografie umgedeutet. Mit Bezug auf den russischen Futuristen Velimir Chlebnikov verbindet das Künstlerduo Performance und Comic zu einer so leichten wie klugen und überraschenden Reise in eine Welt der Bilder und Handlungen.

Weiter geht imagetanz 09 ab Samstag mit unter anderem Jeremy Wade (Berlin) sowie den polnischen Wahlwienern Agata Maszkiewicz und Cezary Tomaszewski. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2009)

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