"Wir sind keine Minderleister"

12. März 2009, 18:32
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Quer durchs Land versammelten sich am Donnerstag tausende Lehrerinnen und Lehrer, um gegen den ministeriellen Auftrag "Zwei Stunden mehr" zu protestieren

Graz/Hinterbrühl - Derselbe Geruch nach alten Turnsocken, vergammelten Jausenäpfeln, Bodenputzmitteln und Angstschweiß. Ein prägnantes Déjà-vu-Erlebnis steigt hoch, wenn man nach vielen Jahren wieder gymnasiale Luft atmet. Alles beim Alten. Zumindest olfaktorisch und optisch.

"Und in diesen Gemäuern sollen neue, moderne pädagogische Modelle mit kleineren Klasseneinheiten gelebt werden?" , fragt Silvester Castellani, während er in den Keller, zum Musiksaal, seines Grazer Gymnasiums Lichtenfelsgasse, dem er als Direktor vorsteht, führt - wo an diesem Donnerstag ab 7.30 Uhr Dampf abgelassen werden soll.

Im Musiksaal, der den Flair der 70er-Jahre noch in sich trägt, warten gut 50 Professorinnen und Professoren und Gewerkschaftschef Franz Novak kommt gleich zur Sache: "Ministerin Claudia Schmied vermittelt den Eindruck, wir sind Minderleister und nicht bereit, unseren Beitrag zur Krise zu leisten. Wir sind keine Minderleister. Wir sind nur gegen überfallartige, undurchdachte Ho-ruck-Aktionen - die mehr schaden als nützen."

Denn die Formel "Zwei Stunden mehr" bringe der Schule und den Schülern etwas, stimme ganz einfach nicht. Direktor Castellani rechnet vor: 1200 Werteinheiten, die auch weiter an der Schule bleiben, durch 20 Stunden Lehrverpflichtungen dividiert, mache 60 Plätze für Lehrer. Zwei Stunden mehr, also 22 Stunden, ergebe in der Division 54 Lehrer. Also müssten im Lichtenfels sechs Lehrer gehen - und die verbliebenen sich um mehr Schüler kümmern. Diese sechs Betroffenen seien allesamt engagierte Junglehrer, die sich um die Mathe- und Chemieolympiade bis hin zur Gestaltung von Werbebroschüren kümmern.

Personalvertreter Elmar Siegl, der vorn auf dem Podium sitzt, haut auf den Tisch: "Auch wir wollen eine bessere Schule, eine Ganztagsschule. Aber was heißt das? Einfaches Beispiel: Wir haben eine Problemklasse mit drei, vier Problemkindern - wobei die Zahl immer größer wird. Die paar Schüler schmeißen den Unterricht, und wir wenden 50 Prozent unserer Zeit auf, um die Klasse zusammenzuhalten. In den nordischen Ländern gibt's an jeder Schule Sozialarbeiter und Psychologen, die sich um diese Kinder kümmern."

"Man will uns aushungern"

Oder: Man brauche nur einen Blick in die engen Konferenzzimmer werfen. "Dort sollen die Lehrer ihre Arbeit machen?" Die Diskussion um die zwei Stunden gehe daher am Kern vorbei. Siegl: "Wenn wir eine bessere Schule wollen, müssen wir enorm viel Geld in die Hand nehmen." Es kommt kein Widerspruch aus dem Auditorium, vielmehr nur Bekräftigungen, Beifall und immer neue Beispiele, dass 40 Stunden in der Woche "nie ausreichen, um die Arbeit zu tun" .

Eine ältere Professorin äußert schließlich einen Verdacht: "Konkret bedeuten zwei Stunden mehr also bei uns: sechs Lehrer weniger. Da drängt sich für mich die Vermutung auf, dass man meine Schule, die ich liebe, aushungern will. Um die Neue Mittelschule zu finanzieren. Denn wohin gehen unsere sechs Lehrer vom Lichtenfels?"

Den Schülern gefällt es

Kurz nach dem Pausenläuten ist es auch in der Volksschule Hinterbrühl so weit: Zehn Lehrerinnen nehmen an diesem Donnerstagvormittag in der hintersten Reihe der 3A an den Zwergentischen Platz. Für die 173 Schüler ist der Unterricht um elf Uhr hingegen schon wieder zu Ende. Der neunjährige Clemens findet das natürlich "super" - er freut sich schon aufs Handball- und Fußballspielen. Direktorin Monika Car-gnelli und ihr Team haben weniger Grund zur Freude. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft der Schule und ihrer Schule im Speziellen. Mangels eigener Besprechungszimmer versucht man zwischen Kinderzeichnungen und Bastelarbeiten Erklärungen für die Vorgehensweise der Bildungsministerin zu finden. Zur argumentativen Unterstützung wurde die Frau Direktor von der Lehrergewerkschaft mit einer Powerpoint-Präsentation ausgestattet, tags zuvor gab es zudem eine Sitzung mit anderen Schulleiter-Kollegen aus dem Bezirk Mödling. Jetzt setzt Cargnelli aber doch lieber auf das spontane Gespräch. Es wirkt, als wäre ihr die Computerpräsentation mehr ein lästiges Übel, denn eine Hilfe.

Die Lehrerinnen wollen aber ohnehin zuerst ihren Unmut über die Ministerin loswerden. "Ich warte noch immer darauf, dass sie uns erklärt, wie sie sich das jetzt vorstellt" , ärgert sich eine. "Wir haben einfach zu wenig Informationen" , assistiert eine andere. Und auch Direktorin Cargnelli stößt sich im Gespräch mit dem Standard zuerst einmal an Atmosphärischem: "Wir bekommen das einfach vorgesetzt." Inhaltlich hat sie gegen die zwei Stunden Mehrarbeit bei gleichbleibender Bezahlung eigentlich nichts einzuwenden. Schmied hätte die Maßnahme einfach "schlecht verkauft" .

Hohe Streikbereitschaft

Das kann man von der Gewerkschaft nicht behaupten. Folie für Folie wird den Lehrerinnen argumentatives Unterfutter geliefert. Da ist dann etwa zu lesen "Ich lass mir viel gefallen, aber ein fauler Hund bin ich nicht" . Die Lehrerinnen sorgen sich vielmehr darum, dass trotz der Beschäftigungsgarantie Schmieds Einjahresverträge einfach auslaufen könnten oder Stellen nach Pensionierungen nicht nachbesetzt werden.
Als die Direktorin schließlich fragt, ob man sich gewerkschaftlichen Maßnahmen anschließe, sollte Ministerin Schmied hart bleiben, antwortet eine Lehrerin: "Wenn es nicht zu einer Verbesserung des Systems kommt, dann muss man etwas machen." Dieser Meinung sind auch die Kollegen von Wien bis Vorarlberg. Quer durchs Land, in nahezu allen Schulen, kamen am Donnerstag Meldungen über eine "hohe Streikbereitschaft" der Pädagogen.(Karin Moser, Walter Müller/DER STANDARD-Printausgabe, 13. März 2009)

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