"Wie das Bier für die Bayern"

  • Sammelstelle für Koka-Blätter in Bolivien: Auch Coca-Cola zählt zu den Einkäufern.
    foto: ap/dado galdieri

    Sammelstelle für Koka-Blätter in Bolivien: Auch Coca-Cola zählt zu den Einkäufern.

"Willkommen in der Koka-Hauptstadt": In den bolivianischen Yungas dreht sich alles um das Koka-Blatt

Die Yungas, die steilen und malerischen Ostabhänge der Anden in Bolivien, sind für ihre Bewohner ein kleines Paradies. Für die US-Regierung befindet sich dort die neue Drogenhölle Südamerikas.

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Seit Jänner wird das Kokablatt - der Rohstoff für Kokain - in Bolivien verfassungsrechtlich geschützt. Nachdem die Anbaufläche unter der Regierung von Präsident Evo Morales laut UNO um 30 Prozent auf 29.000 Hektar gestiegen ist und der Staatschef - selbst einmal Kokabauer - die US-Drogenbekämpfer wegen Spionage aus dem Land warf, erteilte Washington dem Andenland einen Rüffel und strich die Zollbefreiung für verschiedene bolivianische Exportprodukte wie Textilien.

"Die Kooperation mit den USA war immer schon schwierig" , sagt German Loza, ein Kokabauer aus den Yungas. "Sie helfen uns zwar beim Anbau von Mais, Bohnen und Zitrusfrüchten, aber nur, wenn wir im Gegenzug dafür alle Koka ausreißen." Doch dazu sind Loza und seine Kollegen nicht bereit.

"Ohne die Koka stünden wir schlecht da, weder Kaffee noch Zitrusfrüchte bringen so viel ein und benötigen so wenig Pflege, Pflanzenschutzmittel und Dünger wie die Kokablätter. Außerdem geben die Sträucher drei bis vier Ernten im Jahr", sagt Loza, der zusammen mit fünf Brüdern sieben Hektar Land nahe Chulumani bewirtschaftet.

Die Koka-Hauptstadt

"Willkommen in der Koka-Hauptstadt" , steht am Ortseingang von Chulumani, 129 Kilometer von La Paz entfernt und 2200 Meter tiefer gelegen. Hier dreht sich alles um das Blatt, das auf Sportplätzen und sogar vor Kirchen zum Trocknen ausgelegt ist. Links und rechts der Straßen ziehen sich auf Terrassen Kokafelder die Hänge entlang, vor den staatlichen Sammelstellen warten große, bunte Plastiksäcke voller Blätter auf die Abholung. Auf dem Samstagsmarkt kann Loza seine zweieinhalb Kilo Reis entweder mit Geld bezahlen - oder mit einem halben Kilo Kokablättern. In Chulumani ist der Wohlstand augenfällig, den die Koka den rund 20.000 Familien in der Region gebracht hat: Neubauten, Handys und Pick-ups allenthalben.

Schon zu Zeiten der Inkas wurde hier Koka angebaut für rituelle und medizinische Zwecke. Bis heute gilt die Koka aus den Yungas als die geschmackvollste der Welt - sogar Coca-Cola lässt sich von hier mit den Blättern für seine braune Limonade beliefern. Auch der bittere Mate-Tee wird aus den Blättern gewonnen ebenso wie Zahnpasta und Likör. Außerdem werden die Kokablätter gekaut, um Kälte, Hungergefühl und Schmerz zu betäuben.

"Wie das Bier für die Bayern"

"Koka ist für die Bolivianer wie Bier für die Bayern" , sagt der Entwicklungshelfer Andreas Wauer, der im Auftrag der EU in den Yungas tätig ist. Kokain, das durch eine aggressive chemische Umwandlung von Koka gewonnen wird, ist hingegen für Europa und die USA bestimmt. Für Morales liegt das Problem daher in der Nachfrage, nicht im Angebot.

Auf 12.000 Hektar darf in den Yungas "legal" Koka kultiviert werden. Das entspricht der Regierung zufolge dem traditionellen Konsum. Doch laut der UNO beträgt die Anbaufläche derzeit mehr als das Doppelte. Wie viel Koka legal konsumiert und wie viel zu Kokain verarbeitet wird, weiß niemand genau. Oftmals kaufen die Drogenhändler auch legale Blätter auf den Großmärkten in La Paz, Cochabamba und Santa Cruz ein. Im Armenviertel El Alto bei La Paz sind in den vergangenen Jahren Drogenlabors wie Pilze aus dem Boden geschossen. Rund 100 Tonnen Kokain werden Schätzungen zufolge jährlich in Bolivien produziert.

Unbequeme Fakten

Unbequeme Fakten für Morales. Wenig Erfolg hatte bisher sein Appel an die Kokabauern, freiwillig überschüssige Kokaflächen stillzulegen. Nun will Morales die legale Anbaufläche auf 20.000 Hektar ausweiten und unternimmt, wie soeben in Wien, einen internationalen Vorstoß, um das Kokablatt zu rehabilitieren und Exportmärkte zu erschließen. Damit wäre den Bauern geholfen und das Angebot für die Drogenhändler verringert.

"Das ist ökonomisch sinnvoll, aber politisch schwer durchzusetzen", sagt Wauer. Er setzt vielmehr auf Schulungsprogramme: "Kokabauern haben auch in Bolivien ein anrüchiges Image. Wenn man ihnen eine lukrative Alternative wie organischen Kakao oder Honig bietet und Vertriebswege organisiert, gibt es eine reelle Chance, dass zumindest die nächste Generation nicht mehr von Koka abhängt." (Sandra Weiss aus Chulumani/DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2009)

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