"US-Medien sind selbstzufrieden"

12. März 2009, 18:16
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Haben Medien die Krise herbei­ge­schrieben? Das würde den Ernst der Lage unterbewerten, glaubt Danny Schechter - Den Abschwung spürt der US-Medienkritiker selbst unmittelbar

STANDARD: 2007 hielten Sie eine Rede mit dem Titel "Können Medien Frieden ebenso fördern wie Krieg?". Inzwischen müsste man fragen: Können Medien den Aufschwung ebenso antreiben wie die Krise?

Schechter: Für die jetzige Krise gibt es drei Verantwortliche: Unternehmer, weil sie haben sich skrupellos selbst bereichert. Regierungen, weil sie ihre Kontrolle abgegeben haben. Und Medien, weil sie zu Komplizen wurden. Menschen, die vor der Krise gewarnt haben, kamen in Medien einfach nicht vor. In meinem Film "In Debt We Trust" warnte ich schon 2006 davor. Medien förderten die Illusion vom grenzenlosen Wachstum.

STANDARD: Gibt es Unterschiede in der medialen Verarbeitung der Krise zwischen Amerika und Europa?

Schechter: Die amerikanischen Medien sind sehr selbstzufrieden. Sie anerkennen ihre Rolle in dem ganzen System nicht.

STANDARD: Kritiker sagen aber umgekehrt, Medien hätten die Krise mit ihrer negativen Berichterstattung beschleunigt.

Schechter: Das würde den Ernst der Sache unterbewerten. So wie es im Irakkrieg "eingebettete Journalisten" gab, die mit der Regierung zusammenarbeiteten, gibt es jetzt "eingebettete" Journalisten in Firmen. Viele Journalisten identifizieren sich mit den Unternehmensführern und sind keine kritische Stimme. Interessant ist, wie US-Medien mit der Verantwortung für die Krise umgehen.

STANDARD: Und zwar?

Schechter: Sie sagen: Wir alle sind verantwortlich, wir alle sind übersättigt, wir alle waren zu gierig. Ich bin anderer Meinung: Der Krise ging eine Welle von Wirtschaftskriminalität voran. Bernie Madoff hat um 50 Milliarden Dollar betrogen, aber glauben Sie mir: Er war nicht der Einzige. Es gibt Ermittlungen in mehr als hundert weiteren Fällen. Alles deutet auf ein viel tieferes Problem hin, und es wäre zu einfach zu sagen, die Medien verbreiten Panik. Die Medien sind nur sehr spät aufgewacht.

STANDARD: Jetzt sind sie direkt betroffen, weil sie unter Anzeigenschwund leiden.

Schechter: So vieles lief mit Krediten, dass es in den USA bereits erste bankrotte Zeitungen gibt. Es ist eine regelrechte Verwüstung, und es interessant, was jetzt passiert: Sie beginnen mit einer Form des Bürgerjournalismus und forcieren die Demokratisierung der Zeitungen. Da geht ein Wandel auch innerhalb der Medien vor sich.

STANDARD: Spüren Sie die Krise persönlich?

Schechter: Ich bin mit meiner Produktionsfirma gefährdet und sehr in Sorge, wie wir in Zukunft überleben können. Ich mache einen Film über die Finanzkrise und habe Probleme, Geld aufzutreiben.

STANDARD: Weil die Geldgeber kritische Berichterstattung fürchten?

Schechter: Absolut. Mein letztes Buch wurde von 40 Verlagen abgelehnt. Die Verleger sagten: Es ist gut geschrieben, aber wir glauben nicht, dass es so schlecht ist, wie Sie sagen." Einer sagte, das Buch habe keine Chance bei Barnes & Nobles, weil es keine Tipps enthält, wie man zu Geld kommt. Ich empfehle, keine Aktien zu kaufen. Das ist das Problem, sagte er.

STANDARD: Apropos Wandel: In Ihrem neuen Film zeigen Sie Barack Obamas virtuosen Einsatz des Web. Wurde er Präsident, weil er Medien so perfekt einzusetzen wusste?

Schechter: Obama kreierte sein eigenes Medium und er nutzte das Internet, indem er Social Networking betrieb, mit Menschen interagierte. Ich glaube, dass war ein Hauptgrund, warum er gewonnen hat. Die Medien haben versäumt, ausführlich zu berichten, das hole ich mit meinem Film nach. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2009)

Zur Person:
Danny Schechter gründete die Medienplattform mediachannel.org, bloggt unter newsdissector.com/blog, schreibt Bücher ("Plunder") und dreht Filme. Zuletzt stellte er "Barack Obama. People's President" beim Kremser EU XXL-Filmfestival vor.

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    Milliardenbetrüger Bernard Madoff muss auf dem Weg ins Gericht an unzähligen Fotojournalisten vorbei. "Er war nicht der Einzige", der betrogen hat, glaubt US-Medienkritiker Danny Schechter.

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