Größter Schlag gegen Kinderpornografie in Österreich

13. März 2009, 18:56
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Internationale Operation: 189 Männer in Österreich angezeigt - Unter den Verdächtigen sind Lehrer, Politiker und Beamte

Wien - Angefangen hat alles mit einer kroatischen Internetseite, am Ende wurde es zum größten Schlag gegen Kinderpornografie im Internet in Österreich: 935 Verdächtige konnten innerhalb eines Jahres ausgeforscht werden. 189 Männer wurden angezeigt, gegen 97 sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Unter den Verdächtigen sind Lehrer, Ärzte, Politiker und Beamte, gab die Polizei am Freitag bei einer Pressekonferenz bekannt.

Im Zuge der internationalen Operation "Sledgehammer" wurden 99 pornografische Fotos von Kindern sichergestellt. Die Opfer sind zwischen fünf und zwölf Jahre alt. 16 Kinder konnten identifiziert werden und stammen aus den USA und Paraguay. Die Behörden überprüften 72 Stunden lang den Server der betroffenen Internetseite und sammelten 150.000 IP-Adressen in 170 Ländern. Das Täterprofil sei breit und beinhalte "alle Berufs- und Sozialschichten", aber ausschließlich Männer, sagte Erich Zwettler vom Bundeskriminalamt (BK). Ein Drittel der österreichischen Verdächtigen komme aus Wien.

Gegen 624 Österreicher, die die Seite täglich angesehen hatten, wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt. Denn laut noch geltendem Gewaltschutzgesetz ist lediglich das Herstellen, Verbreiten und Besitzen von Pornografie mit Minderjährigen strafbar. Das soll sich mit Inkrafttreten des zweiten Gewaltschutzpakets am 1. Juli ändern. Künftig wird auch der "willentliche Zugriff" strafbar, auch wenn der Täter die Daten nicht absichtlich speichert. Der Strafrahmen für den Konsum reiche laut Zwettler bis zu drei Jahren.

"Die gesetzliche Strafe liegt nach dem Kinderpornografie-Paragrafen (207a) im österreichischen Strafgesetzbuch momentan noch bei zwei Jahren für Besitz von Pornografie mit unter 14-Jährigen und bei drei Jahren für die Weitergabe. Wer das gewerbsmäßig betreibt, muss mit fünf Jahren rechnen", sagt Peter Brozek, Gruppenführer der Kinderpornojäger der Wiener Kriminalpolizei. "Die reale Strafe sieht jedoch so aus, dass die Täter bei der ersten Verurteilung drei bis sechs Monate bekommen", sagte Brozek dem Standard.

Mitgliedern krimineller Vereinigungen, die Kinderpornografie verbreiten, drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die Fälle spielen sich meist im familiären Kreis ab. Dabei komme es immer wieder vor, dass die Täter den Missbrauch dokumentieren und Fotos und Videos mit anderen Pädophilen tauschen. Ein Fall von kommerzieller Herstellung im Bereich Kinderpornografie sei in Österreich noch nicht bekannt, sagt Zwettler.

Bei den Anzeigen in Österreich gab es verglichen mit 2007 eine Steigerung von mehr als 70 Prozent. Die Zunahme sei nicht auf eine Ausweitung der Kinderporno-Szene, sondern auf verbesserte Ermittlungsmethoden zurückzuführen, sagte Zwettler. Interpol hat eine Datenbank aller gefundenen Missbrauchsbilder eingerichtet, die mit neuen Daten abgeglichen werden können. In Österreich ist die Meldestelle des Bundeskriminalamtes zuständig. "Im vergangenen Jahr wurden 5238 Hinweise bearbeitet", sagt Zwettler.

Links auf einschlägige Seiten

Neben Fotos und Videos melden User immer öfter Spam, der Links auf einschlägige Seiten enthält. Durch die verbesserte Zusammenarbeit gelangen den Behörden in den vergangenen zwei Jahren mehrere internationale Erfolge: So konnten zum Beispiel im Rahmen der Operation "Murphy" vier Österreicher ermittelt werden, die in den USA einschlägige DVDs bestellt hatten. In Bayern wurden zwei Videos im Netz entdeckt, die den schweren sexuellen Missbrauch zweier Mädchen zeigen. 125 österreichische User-Adressen waren betroffen, und 80 Verdächtige wurden ausgeforscht.

Studien gehen davon aus, das etwa ein Prozent der Männer eine pädophile Neigung haben, sagte Harald Gremel vom BK. Rund 30 Prozent dieser Personen seien auch gewaltbereit. (Julia Schilly/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. März 2009)

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