"Eine Schutzfunktion ist unnötig"

12. März 2009, 17:50
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Barbara Pichler, die neue Leiterin des Festivals des österreichischen Films, über Programmschärfungen und die Notwendigkeit einer kritischen Öffentlichkeit

Kommenden Dienstag wird die Diagonale in Graz eröffnet. Mit Barbara Pichler sprachen Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher.


Standard: Ein Festival muss sehr viele Bedürfnisse abdecken: Welches ist für Sie das zentrale?

Pichler: Jenes, das es für die Diagonale immer war. Wenn man die Idee einer Plattform für den österreichischen Film weiterverfolgen will, dann kann sich das Festival weder in einen reinen Branchen- oder Marktevent verwandeln noch nur aufs Publikum ausgerichtet sein. Es gilt weiterhin den Mittelkurs zu halten und da, wo sich die Interessen dieser beiden Zielgruppen nicht mehr treffen, jeweils spezifische Dinge anzubieten.

Standard: Die Auslastung war in den letzten Jahren nicht immer zufriedenstellend. Wie wird man dem begegnen?

Pichler: Im Verhältnis zur vorhandenen Publikumskapazität in Graz wurden zu viele Säle bespielt. Ich halte ein kompakteres Programm für die Diagonale aber ohnehin für sinnvoller. Ich habe aus den insgesamt rund 500 Einreichungen die Filme ausgesucht, von denen ich überzeugt bin, dass sie für sich genommen stark genug sind. Die Erwartungshaltung der Leute, die sich beispielsweise ein Experimentalfilmprogramm anschauen, ist hoch. Ich habe bewusst Filme ausgeschlossen, von denen ich der Ansicht bin, dass ihr Forum eigentlich ein Nachwuchsfilmfestival ist.

Standard: Umgekehrt steht dem das Faktum gegenüber, dass per Statut Filme mit bundesweitem Kinostart Fixstarter für die Diagonale sind.

Pichler: Das war immer ambivalent und in Diskussion. Aber zwei pragmatische Gründe sprechen dafür: Einerseits ist die Werkschau sehr gut besucht. Der zweite Aspekt ist, dass damit noch einmal sichtbar wird, welche Filme tatsächlich die Chance auf einen Einsatz in der Hälfte der österreichischen Bundesländer bekommen.

Standard: Wird das Konzept eines nationalen Kinos nicht auch durch internationale Koproduktionen zunehmend ausgehöhlt?

Pichler: Es gibt immer mehr Koproduktionen. Aber da sind zwei Problematiken miteinander verbunden, die sich nicht so leicht auseinanderdröseln lassen: Einerseits wird dieses Nationalstaatliche mehr und mehr obsolet. Und gleichzeitig hat gerade audiovisuelle Kultur einen großen Stellenwert in der Schaffung eines kulturellen Selbstverständnisses, das nicht sofort grenzüberschreitend wirksam wird.

Standard: Zuletzt wurde unter anderem kritisiert, dass man das Festival als Schutzzone für den österreichischen Film begriff. Wie wichtig ist Ihnen die Wiederherstellung einer kritischen Öffentlichkeit?

Pichler: Ohne diesen Wunsch kann man ein Festival gar nicht machen. Eine Schutzfunktion ausüben zu wollen ist ein radikales Missverstehen des Festivalkonzepts, einmal ganz abgesehen davon, wie man zu dieser Idee von Birgit Flos stehen will. Eine Schutzfunktion ist unnötig. Wenn man einen Film für ein Festival einreicht und er ausgewählt wird, dann setzt man sich automatisch auch einer kritischen Öffentlichkeit aus.

Standard: Bei der ersten Grazer Diagonale 1998 wurden bereits die Aufstockung des ÖFI-Budgets auf umgerechnet 21 Mio. Euro gefordert und Produktionsbudget-Kürzungen beim ORF moniert - 2009 sieht die Lage oberflächlich unverändert aus. Wird das thematisiert werden?

Pichler: Sicher in sämtlichen informellen Gesprächen! Denn mit der derzeitigen Situation, dass das BMUKK noch kein Budget bekanntgegeben hat und gleichzeitig das Schreckgespenst der Aufkündigung des ohnehin unterdotierten Film-Fernseh-Abkommens umgeht, wird das zwangsläufig Thema sein. Ich habe allerdings heuer versucht, das Thema anders anzugehen: nicht die klassische ORF-Diskussion anzubieten, sondern eine etwas abstraktere oder philosophischere Gesprächsform. Es geht ja auch darum, welche Rolle öffentlich-rechtlichem Fernsehen zukommt: in gesellschaftspolitischer Hinsicht und auch im Hinblick auf diese immer gern zitierte kulturelle Identität, die durch audiovisuelle Produktion befördert wird.

Standard: Sie streben eine stärkere internationale Vernetzung der Diagonale an. Ist das auch eine Reaktion auf Abwanderung von Premieren von der Diagonale zur Viennale?

Pichler: Eigentlich nicht. Das ist ein Phänomen, das weniger mit einzelnen Festivals zu tun hat als mit einer totalen Veränderung des Marktes. Es kommen viel mehr österreichische Filme ins Kino. Die Vermarktung einzelner Filme hängt sehr davon ab, auf welchen internationalen Festivals man den Film platzieren möchte, da hat sich eine Bedeutungsverschiebung ergeben. Die Viennale bietet sich einfach für alle Filme an, die im Sommer oder Herbst fertig werden.

Standard: Gibt es eine Idealvorstellung, welchen Effekt die Diagonale in der Filmkultur hinterlassen soll?

Pichler: Alle, die das Festival je gemacht haben, hatten wohl diesen Wunsch: dass es erfolgreich ist - wobei erfolgreich nicht unumstritten heißt . Dass größere Öffentlichkeit erreicht wird. Und ein Bewusstsein für die soziale Lage der Künstler - die strukturellen Hintergründe dafür sind selbst vielen Leuten aus der Branche nicht in vollem Umfang bekannt. Diese Woche soll ermöglichen, ins Gespräch zu kommen. Man soll sich aufgehoben fühlen. Das mag jetzt nach einer Pseudo-Idylle klingen ...

Standard: ... die Diagonale als Hippie-Kommune?

Pichler: Das natürlich auch wieder nicht. Aber dass dieses Miteinander eine Grundvoraussetzung ist, ist so selbstverständlich, dass ich fast vergesse, es zu erwähnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2009)

Über die Diagonale

Das jährlich stattfindende Festival des österreichischen Films wird am 17. März mit Marco Antoniazzis Langfilmdebüt Kleine Fische eröffnet. Bis 22. März werden in vier Festivalkinos insgesamt 237 Filme gezeigt (gegenüber rund 320 im Vorjahr), begleitet von Publikumsgesprächen und Diskussionen. Außerdem werden im Rahmen des Festivals zahlreiche Preise vergeben, u. a. für den besten österreichischen Spielfilm, den besten Dokumentarfilm und für Innovatives Kino. Es ist die zwölfte Diagonale in Graz und die erste unter Leitung von Barbara Pichler. (irr)

  • "Intendantin klingt für mich ehrlich gesagt ein bisschen nach Operette": Barbara Pichler sieht sich pragmatisch als Festivalleiterin und verordnet der Diagonale ein kompakteres Programm.  
Zur Person: Barbara Pichler (40), Filmwissenschafterin, ist seit Mitte der 1990er  kuratorisch, organisatorisch und publizistisch im Filmbereich tätig - u.a. für Sixpack Film, die Diagonale und die Duisburger Filmwoche.
 
 
    foto: standard / newald

    "Intendantin klingt für mich ehrlich gesagt ein bisschen nach Operette": Barbara Pichler sieht sich pragmatisch als Festivalleiterin und verordnet der Diagonale ein kompakteres Programm.

    Zur Person:
    Barbara Pichler (40), Filmwissenschafterin, ist seit Mitte der 1990er kuratorisch, organisatorisch und publizistisch im Filmbereich tätig - u.a. für Sixpack Film, die Diagonale und die Duisburger Filmwoche.

     

     

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