Drei Jahre für den Schuhwerfer

13. März 2009, 12:42
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Bagdad: Irakischer Journalist wegen Angriffs auf Staatsgast verurteilt

Als Angriff auf einen Staatsgast sahen die Richter den Schuhwurf an. Die Verteidiger sprachen lediglich von einer Beleidigung des ausländischen Besuchers. Muntader al-Zaidi selbst, der im Dezember 2008 bei einer Pressekonferenz in Bagdad seine Schuhe gegen George W. Bush geworfen hatte, plädierte auf unschuldig.

Für seine Beschimpfungen, in denen er den amerikanischen Präsidenten als "Hund" bezeichnete, habe er sich bereits entschuldigt, sagte er gestern im Gerichtssaal in Bagdad. Die drei Richter entschieden, den irakischen Journalisten für drei Jahre ins Gefängnis zu schicken. Das Höchststrafmaß für derartige Delikte, noch aus der Ära von Ex-Dikator Saddam Hussein stammend, sind 15 Jahre Haft. Die Anwälte Zaidis kündigten Berufung an.

Er habe getan, was jeder Iraker gerne tun würde, brachte der Journalist am Anfang der Gerichtsverhandlung zu seiner Verteidigung an: "Meine Reaktion war normal!" Die Umfragen, die im Namen des britischen Fernsehsenders BBC und des US-Senders ABC durchgeführt wurden und gestern auch die Titelseiten der unabhängigen irakischen Tageszeitungen anführten, scheinen dies zu bestätigen. Demnach sehen 62 Prozent der Befragten den Journalisten im Recht. Nur 24 Prozent meinen, er habe eine Straftat begangen.

Während zu Beginn der Verhandlung gestern die Öffentlichkeit zugelassen war, ließen die Richter zur Urteilsverkündung den Saal räumen. Offensichtlich befürchtete man Proteste, was dann auch prompt eintrat. Als das Urteil nach außen drang, spielten sich tumultartige Szenen vor dem Gerichtsgebäude ab. Schreie wie "Nieder mit Maliki!" und "George Bush soll vor Gericht für alles, was er uns angetan hat!" waren nicht zu überhören.

Der irakische Premier Nuri al-Maliki wurde als Agent der Amerikaner beschimpft. Der Bruder Zaidis kündigte an, er werde Anklage gegen Expräsident Bush, Maliki und dessen Leibwächter bei einem Gericht in Belgien oder Spanien erheben. Muntader sei in der Haft gefoltert und misshandelt worden.

Seit seinem Schuhwurf vor drei Monaten sitzt der Iraker bereits im Gefängnis. Nachdem er im Januar dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde, sprach dieser davon, den Foltervorwürfen nachgehen zu wollen. Bisher ist jedoch kein Ergebnis bekanntgeworden.

Als am 19. Februar schließlich die Gerichtsverhandlung begann, wurde sie nach wenigen Minuten wieder vertagt. Die Verteidigung hatte angeregt, prüfen zu lassen, ob Bushs Abschiedsbesuch in Bagdad einer offiziellen Visite gleichkam. Dies sei, so der vorsitzende Richter gestern, von der irakischen Regierung bestätigt worden.
Vor der Urteilsverkündung brach Zaidi in Tränen aus, nachdem Journalisten ihm berichtet hatten, dass zwei seiner Kollegen zwei Tage zuvor bei einem Anschlag auf einem Markt ums Leben gekommen waren.

Nur vor dem ersten Gerichtstermin hatte die Familie des Angeklagten Gelegenheit, in einem Raum im Keller des zum Strafgericht umfunktionierten Gebäudes mit Zaidi zu sprechen. Das Gebäude liegt am Rande der schwerbewachten Grünen Zone am Westufer des Tigris und war früher ein Museum für Geschenke, die Saddam Hussein von ausländischen Gästen erhielt. (Birgit Svensson aus Bagdad/DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2009)

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    Ein Bild, das um die Welt ging: Muntazer al-Zaid holt zum Wurf aus.

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    Verwandte Muntader al-Zaidis demonstrierten für ihn.

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