Die Tote im Fluss hat einen Namen

13. März 2009, 15:31
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Eine illegale, slowakische Pflegerin wurde tot in einem österreichischen Fluss gefunden - Journalist Martin Leidenfrosts packender Roman

Eigentlich ist Martin Leidenfrost am Thema seines neuen Buches gescheitert. Der Journalist hat den rätselhaften Tod der 29-jährigen Denisa Šoltísová untersucht. Die Slowakin wurde am 29. Jänner 2008 tot und nackt in einem Fluss in Oberösterreich gefunden. „Ich habe eine Ermittlung versucht, obwohl ich kein Kriminalist bin. Aber außer mir hat es kein anderer gemacht", sagt Leidenfrost. Dem 36-jährigen Autor ist etwas ganz anderes mit seinem Buch „Die Tote im Fluss – Der ungeklärte Fall der Denisa S." gelungen: Er lässt eine illegale 24-Stunden-Pflegerin aus der Anonymität heraustreten.

"Es geht um eine jener Frauen, an die wir das Sterben unserer Alten delegieren", sagte Volksanwältin Terezija Stoisits bei der Buchpräsentation in der Wiener Stadtbücherei. Man könnte meinen, dass es sich bei diesen Pflegerinnen um die Gruppe von Ausländerinnen handelt, die den größten Respekt genießen, meint Stoisits. Das Verhalten von Ärzten, Staatsanwaltschaft und Medien nach dem Fund der Leiche von Denisa Šoltísová lasse daran jedoch Zweifel aufkommen.

Zeittafel

Denisa Šoltísová wurde zuletzt lebend gesehen, als sie in der Nacht vom 19. Jänner 2008 durch Vöcklabruck irrte, in Unterwäsche und ohne Schuhe. Am 29. Jänner wurde ihre unbekleidete Leiche gefunden. Bereits nach fünf Stunden wurde der Fall ad acta gelegt: Selbstmord lautete der Befund des Arztes.

In der Slowakei wurde eine weitere Obduktion vorgenommen: Dabei wurden in ihrem Gewebe Medikamente gegen Krankheiten gefunden, an welchen sie gar nicht litt und die weder in Österreich noch in der Slowakei zugelassen sind. Auch Spuren von Gewalteinwirkung, die auf ein sexuelles Motiv hinweisen könnten, wurden entdeckt. Die österreichische Staatsanwaltschaft öffnete danach den Fall wieder. „Bis heute ist aber der slowakische Obduktionsbericht nicht ins Deutsche übersetzt worden", sagt Leidenfrost.

Busse voll mit illegalen Pflegerinnen

Zur Zeit, als die Leiche der Denisa Šoltísová gefunden wurde, entbrannte in Österreich gerade eine Debatte über illegale 24-Stunden-Pflegerinnen. "Es ist bekannt, dass die Frauen teilweise in Kleinbussen nach Österreich kamen und an der Grenze angaben, einen Frauenausflug nach Schönbrunn zu machen", sagt Leidenfrost. Keiner habe etwas gesagt, alle haben weggeschaut.

Jenseits von Österreich

Eindringlich sind auch Leidenfrosts Beschreibungen der tschechischen Orte nahe der Grenze: Er beschreibt das malerische Hochland, berichtet von Ortschaften, in denen mehr als die Hälfte der BewohnerInnen Roma sind und von seiner Begegnung mit diesen Menschen, im Laufe seiner Reise. Diese Schilderungen sind im Gegensatz zu der nüchternen Sprache der kriminalistischen Ermittlungen wie Reportagen aufgebaut.

„Das beschreibt gut unsere Nachbarschaftsbeziehung – und zwar, dass wir gar keine mit diesen Orten haben. Die meisten von uns haben keine Ahnung, was jenseits der Grenze liegt", sagt Stoisits. Der Wohnort des Autors liegt 350 Kilometer von Vöcklabruck, 350 Kilometer von jenem abgelegenen zentralslowakischen Hochland entfernt, aus dem Denisa Šoltísová stammte. „Ich höre mit einem Ohr nach Österreich und mit dem anderen nach Tschechien", sagt er.

„Die Ermittlungsfehler, die damals gemacht wurden, sind teilweise nicht wieder rückgängig zu machen", sagt Leidenfrost. Der Autor hat versucht, den Menschen zu finden, der schuld ist an dem Tod von Denisa Šoltísová. Das ist ihm nicht gelungen, aber er hat die Geschichte einer illegalen, slowakischen 24-Stunden-Pflegerin erzählt und ihr damit ein Stück Würde zurück gegeben. Auch das hat keiner außer ihm gemacht: Den meisten österreichischen Medien war der Fall der Denisa Šoltísová keine Meldung wert. (Julia Schilly, derStandard.at, 13. März 2009)

Das Buch

Martin Leidenfrost: Die Tote im Fluss.<br>

Residenz Verlag, Wien 2009

  • In der Au wurde Denisa Šoltísová nackt gefunden - und schon nach fünf Stunden war der Befund klar: Selbstmord
    foto: fischer

    In der Au wurde Denisa Šoltísová nackt gefunden - und schon nach fünf Stunden war der Befund klar: Selbstmord

  • "Die meisten von uns haben keine Ahnung, was jenseits der Grenze liegt"
    foto: residenz verlag

    "Die meisten von uns haben keine Ahnung, was jenseits der Grenze liegt"

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