Wunder des Kinderschwundes

11. März 2009, 21:21
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Es muss um den April 2008 herum passiert sein - Weniger Geburten im Jänner wohl kaum krisenbedingt

Wien - Österreichs Familien sind derart seherisch veranlagt, dass das Orakel von Delphi im Vergleich dazu eine Amateur-Brabblerin war. Wie sonst hätten Mütter und Väter schon Monate vor der Wirtschaftskrise vorhersehen können, dass sie kommt?

Im Jänner 2009 ist die Geburtenrate in Österreich im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent gesunken, hat die Statistik Austria vermeldet (der Standard berichtete). Was in anderen Redaktionen zum kühnen Schluss verleitete: Die triste Wirtschaftslage ist schuld an der gesunkenen Zeugungsfreude.

Grundsätzlich keine schlechte Theorie, allerdings sind sich Bevölkerungsstatistiker bis heute nicht sicher, ob sie stimmt. Ganz sicher stimmt sie aber nicht für den Rückgang im Jänner 2009.

Denn: Der Spermien-Eizellen-Crash muss um den April 2008 herum passiert sein. Der Stand des Dow-Jones-Aktienindexes am 1. April: exakt 12.654,36 Punkte. Am 1. Mai war von Krise noch keine Spur: Der Wert stieg auf 13.010 Punkte, und selbst am 1. Juni lag er noch bei 12.504. Aus den Börsekursen konnten die möglichen Eltern also keine Hinweise ablesen. Erst ab Juli begannen die Kurse zu bröckeln, am 30. Mai musste mit Bear Stearns die erste US-Bank Insolvenz anmelden. Der GAU der Lehman-Brothers-Pleite erfolgte erst Mitte September.

Und noch ein anderer Grund spricht etwas gegen den Krisen-Konnex: die Geburtenrate in Österreich sank zwischen 2004 und 2008 um drei Prozent, trotz guter Konjunktur. Aber vielleicht hatten ja die Hellsichtigeren schon 2004 die ersten Visionen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 12.3.2009)

 

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