Der Schlüssel liegt in der Schraube

12. März 2009, 17:00
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Gäbe es in Sachen Design und Architektur Weltmeistertitel, Jean Prouvé hätte ordentlich abgeräumt. Das Hofmobiliendepot in Wien zeigt derzeit, warum

Wozu verstecken, was zusammenhält, was zusammengehört? Jean Prouvé war sich der Ästhetik von Schrauben, Scharnieren, Bolzen, des Ausdrucks von Falzungen mehr als bewusst. Sie wurden nicht nur zu den verbindenen Elementen seiner Objekte, sondern auch zum Alphabet seiner Formensprache. Manche bezeichnen diesen Zugang als "Poetik", andere sehen seine Arbeiten als Entwürfe mit "Muskeln und Seele". Auch das Hofmobiliendepot, das derzeit mehr als 50 Möbel, zahlreiche Architekturmodelle, Fotos und Zeichnungen des Meisters zeigt, nennt seine Ausstellung "Die Poetik des technischen Objekts."

Wo der Hammer hängt, das lernt der 1901 in Paris geborene Prouvé mit 15 Jahren bei einem Kunstschmied, bei dem der Jüngling zwischen Glutofen und Amboss beginnt, das Eisen für seine Karriere als Designer und Architekt zu schmieden. Gitter, Geländer und ornamentale Architekturelemente für die großen Baumeister der Zeit sind die ersten Dinge, die mit der Handschrift Prouvés in Berührung kommen. Dieser ist bald vom Geist der modernen Technik begeistert - er soll Prouvés Antwort auf die Frage werden, wie Dinge künftig funktionieren sollten. Das Modische interessiert den Tüftler dabei nicht. Vielleicht liegt auch darin der Grund, warum seine Objekte so viele Jahrzehnte nach ihrem ersten Auftritt noch immer mehr als nur funktionieren.

Der 1984 verstorbene Prouvé verfügt über das Talent und die Kraft, die Umbrüche, die vor sich gehen, in seine Objekte zu übersetzen. Lieber freundet er sich mit technischen Auflagen an, anstatt in ihrem Korsett zu stöhnen. Dieses Denken, dieser Zugang, der wie eine verinnerlichte Formel seine Entwürfe verbindet, lässt ihn auch sagen, "dass zwischen der Konstruktion eines Möbelstückes und eines Hauses kein prinzipieller Unterschied bestehe". Als einem der Ersten werden dem Perfektionisten die Bedeutung der Vorfabrikation von Architekturelementen und der Industrialisierung in der Welt des Bauens bewusst. Die Konsequenz liegt in der Meisterleistung, das Zeitalter des Handwerks mit jenem der Industrie gewissermaßen zusammenschrauben. Zum Anziehen der dazugehörigen Muttern gehört 1924 die Eröffnung einer eigenen Werkstätte in Nancy, wo er 1925 die ersten Möbel aus ungeformtem Stahlblech produziert. 1930 entwirft er die Sesselikone "Cité", in den Jahren darauf möbliert er Krankenhäuser, Schiffskabinen, entwirft für Citroën eine selbsttragende Karosserie, realisiert diverse Architekturprojekte, patentiert versetzbare Trennwände, Aufzugskabinen, Schulpulte und Kioske. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg findet er Lösungen für Fertigteilhäuser, die man flugs aufstellen und demontieren kann. Von 1940 bis 1944 ist er in der Résistance aktiv und tüftelt nach dem Krieg emsig weiter drauf los.

Trotz der in manchen Kreisen grassierenden "Prouvémania" ist der Konstrukteur noch immer nicht so bekannt wie manch ein Zeitgenosse, sind seine Objekte nicht so präsent wie etwa jene von Charles und Ray Eames. Dabei sind sich auch seine gestalterischen Nachfahren einig. Norman Foster über Prouvé: "Er ist die Inspiration, die zeigt, wie Kunst und Technologie vereint werden können." Kollege Renzo Piano, der mit Richard Rogers unter dem Jury-Vorsitz Prouvés 1971 den Wettbewerb für das Centre Pompidou gewinnen konnte, sagte über sein wichtigstes Vorbild: "Ich bin mir immer seiner fundamentalen Wahrheit bewusst, dass man Kopf und Hand, Idee und Verwirklichung nicht voneinander trennen darf." Wer ihm nicht glaubt, kann nun im Hofmobiliendepot - sozusagen zur Beweisaufnahme - einen ganzen Band Prouvé'scher Formensprache studieren. Und alle anderen natürlich auch. (Michael Hausenblas / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2009)

Jean Prouvé "Die Poetik des technischen Objekts". Hofmobiliendepot, Andreasg. 7, 1070 Wien. Bis 21. Juni 2009.

www.hofmobiliendepot.at

  • Auch auf Auktionen zählen Objekte von Jean Prouvé zu jenen der Begierde. Ein paar Türen des Meisters brachten zum Beispiel 680.000 Dollar. 
 
    foto: vg bildkunst, bonn


    Auch auf Auktionen zählen Objekte von Jean Prouvé zu jenen der Begierde. Ein paar Türen des Meisters brachten zum Beispiel 680.000 Dollar.

     

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