Karaoke-Singen gegen die Wirtschaftskrise

11. März 2009, 19:21
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Ein privater Arbeitsvermittler in Florida greift zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit und veranstaltet einen Sängerwettbewerb

Nicole Nagy wirft den Morgenmantel ab, zum Vorschein kommt ein dünner Krankenhauskittel. In dem hüpft sie über die Dielen, schwingt die Hüften, lässt ihre langen blonden Haare fliegen. Im Vordergrund schauen ihre drei Kinder zu, halb bewundernd, halb irritiert. Im Hintergrund steht ein Skelett, wie es Lehrer zum Erklären der menschlichen Anatomie benutzen. Nicole Nagy greift das Stethoskop, das an ihrem Hals baumelt, hält es wie ein Mikrofon und legt los. "Doctor, doctor, give me the news!"

Man kann nicht sagen, dass Nagy die geborene Sängerin wäre. Es fällt ihr schwer, einen Ton zu halten. Ihre Stimme ist schrill. Dafür hat sie den Text selber gedichtet.

Im Wesentlichen handelt er davon, dass sie schon als kleines Mädchen immer nur eines wollte, nämlich ins "Kra-a-ankenhaus". Dass sie nun, in der Wirtschaftskrise, den Krankenschwester-Blues hat, weil ihr Berufswunsch nicht in Erfüllung geht. Und dass ihr der Doktor endlich etwas Positives mitteilen soll. Daraus wurde ein Video, für das sich eine Jury so begeistern konnte, dass sie die dreifache Mutter zur Siegerin kürte. Zur Siegerin eines Sängerwettstreits, dessen Hauptpreis ein Achttausend-Dollar-Stipendium für eine Ausbildung ist - zur Krankenschwester. Außerdem darf sie 250 Dollar beim Friseur und bei der Maniküre ausgeben.

Premiere in Amerika

Es ist eine Premiere in Amerika. Ohne die Wirtschaftskrise wären sie bei Workforce Central Florida, einem privaten Arbeitsvermittler in Orlando, nie auf die Idee gekommen. Aber die Krise schreit nach Kreativität. Wer kreativ ist, wer reimen kann, wer keine Scheu hat, der kann auch schwierige Zeiten meistern. So ungefähr hat man es sich gedacht. Eine Werbeagentur erfand einen zugkräftigen Titel, indem sie die englischen Wörter für Karriere und Karaoke kombinierte. Heraus kam Careereoki, mit dem kleinen i am Ende als Gag. Über hundert Arbeitsuchende meldeten sich mit gefilmten Kostproben.

Ted Morgan merkt man an, dass er nicht allzu viel Vertrauen in seine künstlerischen Fähigkeiten hat. "Kundendienst ist mein Ding", brummt der Mittvierziger. Morgan ist in der Vorrunde ausgeschieden, zu wenig Selbstvertrauen. Jennifer Faulk stellt Optimismus zur Schau. Ihre Stelle als Webdesignerin hat sie verloren, unbeirrt will sie in der Branche einen Neustart versuchen. "Irgendwann muss doch Schluss sein mit diesen Entlassungen. Lasst uns singen: Hallelujah." Dafür gibt es den zweiten Platz.

Kranke gibt es immer

Wahrscheinlich hat Nicole Nagy auch deshalb gewonnen, weil ihr Berufswendewunsch ein realistischer ist. Kranke gibt es immer, in der Rezession streben Millionen von Amerikanern eine neue Karriere in einer Klinik an. Und in Florida sind Spitäler und Arztpraxen noch dichter gesät als in Washington oder New York. Rentner aus dem ganzen Land setzen sich unter der Sonne des Südens zur Ruhe, was erheblichen medizinischen Betreuungsbedarf schafft. "Es ist die einzige Branche, die bei uns wächst. Der einzige Lichtblick", sagt Kimberley Cornett, die Sprecherin von Workforce Central Florida. Aber wieso entscheidet ausgerechnet ein Sängerwettstreit, wer in den Genuss einer Umschulung kommt? "Ach, wissen Sie", antwortet Cornett, "wir brauchen doch alle unseren Spaß. Wir wollten Stress abbauen, bei Leuten, die jede Menge Stress haben." (Frank Herrmann aus Miami, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2009)

 

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    Schlangestehen für einen Job bei der Feuerwehr: Arbeitssuchende in Miami, Florida. Im Februar wurden in den USA über 650.000 Jobs abgebaut, die Arbeitslosigkeit steigt.

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