Konzerne schnappen sich beste Ackerflächen

11. März 2009, 18:58
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Afrika leidet unter dem gefallenen Erz- und Ölpreis, die Touristen bleiben aus. Angesichts des dringenden Devisenbedarfs veräußern immer mehr Länder das letzte verbleibende Gut

In wenigen Wochen fährt der saudische Konzern Hadco auf seinen Feldern im Sudan die erste Ernte ein. Gemüse, Weizen und Viehfutter von 10.000 Hektar Land sollen helfen, den seit Jahren steigenden Bedarf an Lebensmitteln in Saudi-Arabien zu decken. Für das Land an den fruchtbaren Bänken des Nil hat Hadco unbestätigten Informationen zufolge 95 Mio. Dollar (74 Mio. Euro) Pacht an die Regierung in Khartum gezahlt - und das ist nur der Anfang. Sudans Regierung soll den Golfstaaten 900.000 Hektar bestes Farmland zugesagt haben, für 99 Jahre Pacht.

Offiziell will das in Khartum freilich niemand bestätigen. Denn der Verkauf von Ackerland an ausländische Investoren ist bei den Bürgern, die in Afrika immer noch überwiegend Kleinbauern sind, nicht sonderlich beliebt.

Daewoo mit Plänen

Der koreanische Mischkonzern Daewoo will auf Madagaskar Futtermais und Ölpalmen anbauen - 1,3 Mio. Hektar hat die Regierung des bettelarmen Inselstaats dafür bereitgestellt. In Kenias Tana-Flussdelta sollen 40.000 Hektar Land an den Golfstaat Katar verpachtet werden - zum Anbau von Früchten und Gemüse.

Weil Erz- und Ölpreise gesunken sind, Touristen ausbleiben und afrikanische Auswanderer immer weniger Geld aus dem Ausland nach Hause überweisen können, suchen Regierungen verzweifelt nach Wegen, um dringend benötigte Devisen zu bekommen. Die Weltbank schätzt, dass den ärmsten Ländern bis Ende des Jahres 700 Mrd. US-Dollar fehlen werden.

Neo-Kolonialismus

Ein Viertel Ersparnis zum Weltmarktpreis erwarten die Regierungen, die mit den Verpachtungen praktisch ihr Hoheitsgebiet erweitern. Kritiker, beispielsweise der britische Umweltschützer George Monbiot, sprechen von Neo-Kolonialismus. "Früher haben die reichen Nationen Kanonenschiffe und Glasperlen eingesetzt, heute sind es Anwälte und Scheckbücher", so Monbiot. "Der Westen will sich mit aller Kraft vor der drohenden Nahrungsmittelkrise retten, auch wenn das heißt, dass Menschen anderswo verhungern werden."

Die Kritik teilen nicht alle. Beim Gipfeltreffen der Umweltminister betonte Christian Nellemann, Nahrungsmittelexperte des UN-Umweltprogramms, man müsse die Ackerflächen besser bewirtschaften. "Wir müssen auch verhindern, dass mehr als die Hälfte aller geernteten Güter bei Transport und Lagerung verlorengehen", sagte Nellemann. Mary Fosi, Staatssekretärin in Kameruns Umweltministerium, bettelt hingegen um Investoren: "Hauptsache, jemand entwickelt unsere Landwirtschaft."

Ernte der Kleinbauern

Tatsächlich ernährt sich Afrika überwiegend von dem, was Kleinbauern ernten: In Kenia etwa bauen mehr als eine Million Farmer Mais an, das Hauptnahrungsmittel im Land. Bei den derzeitigen Modellen profitiert die lokale Bevölkerung allenfalls von Jobs auf den Farmen, von deren Produkten sie nichts bekommen. Ziel der Investoren ist es schließlich, Agrargüter aus Billiglohnländern günstig in Hochpreisländer zu verkaufen.

Viele von Afrikas Regierungen haben zudem ganz eigene Interessen, ihr Land zu verpachten. Einige Politiker sind zugleich Großgrundbesitzer und profitieren direkt von den Verkäufen. Wie explosiv so etwas enden kann, zeigt sich derzeit auf Madagaskar: Über den Millionendeal mit Daewoo, von dessen Erlös sich der Präsident unter anderem eine zweite Boeing kaufte, haben die Armen einen blutigen Aufstand begonnen, dessen Ende noch nicht absehbar ist.(Marc Engelhardt aus Nairobi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2009)

 

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    Afrikas Bauern bekommen maximal Jobs auf den Farmen ausländischer Investoren - von der Ernte bleibt ihnen nichts.

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