Gigant der Gelassenheit als Globalitätsgewinnler

11. März 2009, 18:25
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Thomas Maurer brilliert als oberösterreichischer Schmalspuringenieur in seinem Kammerspiel "Aodili"

Linz - Egal, ob er die Idee für Aodili erst seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking oder, wie Thomas Maurer behauptet, schon viel länger hatte: Mit der Österreich-Version von Lost in Translation trifft der Kolumnist, Schauspieler und Kabarettist wieder einmal - nach dem Einpersonenstück Die neue Selbständigkeit - den Nerv der Zeit.

Maurers Analyse der Regionalisierung als Reaktion auf die Globalisierung zu Beginn der Finanzkrise hatte nicht ohne Grund im Posthof von Linz Premiere: Antiheld des nach aristotelischen Gesetzen brillant gebauten Kammerspiels ist ein Schmalspuringenieur, der im Mühlviertel lebt und nicht, wie sein Sohn, "auf Pro7" und daher trotzig im g'scherten Dialekt bellt.

So auch am Airport von Peking, der mit einer Viererreihe Plastiksitze und einem ebenfalls orangen Mülleimer praktikabel symbolisiert ist: Sigi Gschwandtner berichtet seiner Frau am Handy, dass die Chinesen ihn nicht ausreisen lassen wollen, weil er gar nicht mehr da sei. Einem Mann in Uniform, dessen Sprache man nicht spricht, begreiflich zu machen, dass man doch da ist: Das ist nicht so leicht.

Der "Gastarbeiter" aus Aodili (wie Österreich auf Chinesisch heißt), der für einen derart komplexen Konzern tätig ist, dass die Mitarbeiter gar nicht wissen, ob die Tochtergesellschaft an die Konkurrenz verkauft oder mit dieser fusioniert wurde, hat dennoch die Gemütsruhe weg: "Wenn du es eilig hast, gehe langsam" , sagen die Chinesen. Und er als Oberösterreicher sei "ein Gigant der Gelassenheit".

Gschwandtner wird im Dialog mit sich selbst beziehungsweise mit einem Chinesen (Joey Chen), der immer nur "Sorry, no English" sagt, zur Erkenntnis gelangen, dass die Lebensweisheiten da wie dort die gleichen sind. Die zentrale lautet, auch wenn Gschwandtners Opa - ein Wirt, der sein großes Geschäft mit dem KZ-Mauthausen-Tourismus machte ("das hat er den Nazis zu verdanken" ) - es etwas anders formulierte: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."

Für den nur auf seinen eigenen Vorteil bedachten Alltagsfaschisten des 21. Jahrhunderts bedeutet die Weisheit von Bertolt Brecht: Humanitäre Bedenken zu negieren und aus China einen Container mit USB-Sticks zu exportieren. In einem Arbeitslager hergestellt, waren sie nämlich äußerst preiswert. Schließlich zählt das Wohl der Familie: Gschwandtner kaufte mit seinem Schwager einen Hof mit 40 Hektar Grund in entrischer Lage. Dieser sei - im Gegensatz zu Aktien - eine Altersvorsorge mit Hand und Fuß. Nun sei er, abseits vom Schuss, autark.

Auch wenn es für Gschwandtner darum geht, die Zeit totzuschlagen: Aodili (Regie: Petra Dobetsberger) ist keine Sekunde fad. Ganz im Gegenteil: Maurer garniert den Seelenstriptease mit witzigen Anekdoten aus China. Da bleibt kaum Zeit, die Brutalität, die Bösartigkeit des Stücks zu realisieren. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2009)

Ab 15.3. in der Kulisse bzw. im Niedermair in Wien, alle Vorstellungen bis Ende März ausverkauft.

 

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    foto: lukas beck
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