Amokläufer sind gekränkte Täter

11. März 2009, 15:08
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Jugendpsychiater Max Friedrich sieht als Grundmuster: "Der Täter will mit allem aufräumen, was er über sich ergehen hat lassen müssen"

Wien - Spott, gemobbt werden, schulisches Versagen, Ohnmacht, Isolation und gescheiterte Lebensentwürfe - Amokläufer haben meist einiges gemeinsam: Sie stehen in der Hochblüte der Adoleszenz und befinden sich noch nicht im Erwachsenenleben, haben aber ein Vielfaches an Frustration erfahren, verspüren Rachegefühle und besitzen ein hohes Maß an Narzissmus. Mit ihren Wahnsinnstaten wollen sie Beachtung finden, schilderte Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich das seelische Grundmuster von Amokläufern in Schulen.

Auslöser für die Tat sind meist Kränkungen. Die Täter selbst seien aber individuell unterschiedlich, sagte Friedrich. Über das Gefühlsleben der jugendlichen Amokläufer wisse man wenig, meist überleben sie ihre Taten nicht, daher gebe es auch keine Untersuchungen.

"Bilanzdepression"

Den Zustand, in dem sich der Täter befindet, bezeichnete Friedrich als "Bilanzdepression". Der Betroffene will aufräumen mit all dem, was er über sich ergehen hat lassen müssen. Die Ursache für diese Form der Depression liege oft  in der Schule: Spott, gemobbt werden, versagen, keine Freunde finden. All das führe zu einer situativen und affektiven Einengung. Die Täter haben nur mehr ein "Röhrensehen" und "-fühlen", danach folgt die Amokfantasie.

Machtgefühl

Beim klassischen Amoklauf handelt der Täter ungezielt und töte beliebig. Zuerst werde das aggressive Verhalten nach Außen und schließlich gegen sich selbst gerichtet. Der Psychiater sprach von einer Aggressionsumkehr. Der Wunsch, Herr über Leben und Tod zu sein und über ungeheure Macht zu verfügen, steht im Vordergrund. Zusätzlich hat die Waffe eine gewisse Symbolik. Die Tat kann aus großer Entfernung gesetzt werden, der Träger fühlt sich überhöht und über den Dingen stehend.

Dass im Zusammenhang mit derartigen Gewalttaten von Jugendlichen immer wieder die Diskussion rund um Computerspiele und Videofilme mit brutalen Inhalten auftauche, sei naheliegend. "Ich glaube daran, dass das permanente Treten und Kaputtmachen - auch virtuell - im Unbewussten die Hemmschwelle senkt", so Friedrich. Die Grenzlinie zwischen Virtualität und Realität verwischt sich.  (APA)

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