"Seid ihr immer noch nicht alle tot?"

12. März 2009, 06:19
1986 Postings

Soll Tim K. in der Schule gerufen haben - Amokläufer erschießt sich selbst nach Schusswechsel vor Autohaus - 17-Jähriger war unauffälliger Ex-Schüler - Eltern lagerten Waffen und Munition im Haus

Amoklauf in Alabama. Diese Nachricht aus den USA sorgt auch im deutschen Winnenden Mittwochfrüh zunächst für Gesprächsstoff. Allerdings: Dieser Amoklauf ist so unendlich weit weg von der kleinen Stadt in Baden-Württemberg, die am Rande des Schwäbischen Waldes liegt.

Notruf eines Schülers

Um 9.33 Uhr ist er auf der örtlichen Polizeistation dann überhaupt kein Thema mehr . Zu dieser Zeit geht in Winnenden selbst ein Notruf eines Schülers ein: Amoklauf an der Albertville-Realschule, an der sich gerade rund 1000 Schüler befinden. Im Hintergrund hört der Beamte verzweifelte Schreie.

"Ein schreckliches Bild"

Sofort machen sich Polizisten und ein Kriseninterventionsteam auf den Weg zur Schule. Dort bietet sich ihnen "ein schreckliches Bild", wie es später ein Polizeisprecher formuliert. In zwei Klassenzimmern liegen neun tote Schüler im Alter zwischen 14 und 15 Jahren. Auch drei Lehrerinnen wurden erschossen - von Tim K., einem 17-Jährigen, der erst im Vorjahr einen Abschluss an dieser Schule gemacht hatte. Mitschüler erkannten ihn. Er ist - in schwarzer Kleidung - um halb zehn Uhr vormittags in seine ehemalige Schule gegangen, hat eine Waffe gezogen und gezielt auf seine Opfer geschossen.

"Seid ihr immer noch nicht alle tot?"

Laut bild.de stürmte er gleich dreimal in die Klasse 10d. Zuletzt rief er: "Seid ihr immer noch nicht alle tot?" Eine Lehrerin, die sich schützend vor eine Schülerin stellte, wurde sofort erschossen.

Binnen Minuten herrscht Chaos. Rettungsautos rasen heran, Schüler versuchen, aus der Schule zu flüchten, springen aus den Fenstern. Auch Tim K. verlässt die Schule wieder und flüchtet.

Flucht in gekapertem Auto

Am Abend wird der Innenminister des Landes, Heribert Rech, schildern, wie knapp der Amokläufer der ersten Polizeistreife entkommen ist. Und durch das schnelle Eintreffen zwei Minuten nach Eingehen des Notrufs vermutlich ein viel größeres Blutbad verhindert wurde. Die Beamten wurden bei ihrem Eintreffen von Tim K. heftig beschossen, er konnte sie abschütteln, indem er durch das Gebäude lief. Auf den Gängen, in den Klassenzimmern, blieben Dutzende Patronen und leere Hülsen liegen.

Autofahrer als Geisel - Fahrer macht einen Fehler

Auf seiner Flucht kommt er bei einer nahegelegenen psychiatrischen Klinik vorbei und erschießt dort einen Gärtner. Danach kidnappt er ein Auto, zwingt den Fahrer eines VW Scharan, ihn mitzunehmen.

Während in und um die Schule fieberhaft nach dem Amokläufer gesucht wird und die Polizei einen Sperr-Ring um die Stadt zieht, lässt sich Tim K. von dem Scharan-Fahrer über Stuttgart, Metzingen und Nürtingen eine Stunde lang umherchauffieren, hält dem Fahrer stets die Pistole an den Kopf, wie die Polizei später rekonstruiert. In Wendlingen - 40 Kilometer von der Schule entfernt - geschieht etwas Unerwartetes: Der Fahrer macht einen Fehler, kommt bei einer Ausfahrt auf den regennassen Grünstreifen, der Wagen bleibt stecken.

Tim K. läuft zu Fuß weiter

Der Täter läuft Richtung Industriezentrum. Der PKW-Besitzer alarmiert eine Polizeistreife, die im Zuge der Ringfahndung an der Ausfahrt steht. Tim K. betritt ein Autohaus, erschießt kaltblütig einen Kunden und einen Autoverkäufer. Beim Verlassen des Gebäudes beschießt er eine Zivilstreife der Polizei, die Beamten werden schwer verletzt. Dies wird als Indiz dafür gewertet, dass der Täter vollkommen wahllos auf Menschen zielte, da er letztere nicht als Polizisten erkennen konnte.

Schusswechsel bei Autohaus

Minuten später wird er auf einem Parkplatz in der Nähe von einer Polizeistreife gestellt und bei einem Schusswechsel am Bein verletzt. Er versteckt sich zwischen abgestellten Autos. Die Polizisten verlieren den Sichtkontakt, finden den Jugendlichen "tot auf dem Rücken liegend". Die Behörden gehen davon aus, dass er sich selbst das Leben nahm.

Eltern passionierte Jäger

Die Tatwaffe, eine großkalibrige Pistole, hatte der Jugendliche laut dem Stuttgarter Polizeipräsidenten Konrad Jelden aus seinem Elternhaus. Die Eltern sind wohlhabende Mittelständler aus der Region. Sie sollen passionierte Jäger sein und besitzen 18 ordnungsgemäß angemeldete Waffen. Als ihr Haus am Nachmittag durchsucht wird, fehlt eine Waffe. Der Täter habe zudem reichlich Munition mitgenommen, sagte der Polizeipräsident.  Beamte fanden im Treppenhaus der Schule mehrere hundert Schuss Munition. Offenbar habe Tim K. eine "doppelte Identität" gehabt, sagt Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU). 

"Er ist nie auffällig gewesen"

Den Amokläufer beschreiben Mitschüler und Polizei als "absolut unauffällig". Er hatte in der Albertville-Realschule vor einem Jahr seinen Abschluss gemacht und absolvierte gerade eine Ausbildung. Kultusminister Helmut Rau sagte unter Berufung auf die Schulleiterin: "Er ist nie auffällig gewesen".

Merkel betet für die Opfer


"Es war ein Amoklauf in Reinkultur", sagt später der Landespolizeipräsident von Baden-Württemberg, Erwin Hetger. Und: "So etwas habe ich noch nie erlebt."

Die Hintergründe für die Tat sind am Mittwoch noch völlig im Dunkeln. Am frühen Nachmittag kommt Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) an den Ort des Verbrechens und zeigt sich schockiert: "Die Schule, einen Ort der Zukunft, der Bildung und Erziehung, so zu stören und zu zerstören, ist besonders gemein." Auch Kanzlerin Angela Merkel in Berlin ist tief getroffen: "Alle Menschen in Deutschland sind entsetzt, bestürzt und fassungslos." Sie wolle für die Opfer und ihre Angehörigen beten.

Auffallend viel Mädchen unter den Opfern

Die vorläufige Opferbilanz am Abend: 16 Menschen sind tot: drei Lehrerinnen, drei Passanten, neun Schüler - unter ihnen auffallend viele Mädchen, was die Spekulationen anheizte, Tim K. könnte aus Verletztheit, weil er sich zurückgewiesen fühlte, getötet haben. Die hohe Anzahl von Mädchen könnte aber auch mit der Sitzordnung in den Klassen zusammenhängen, so die Polizei.

Trauergottesdienst

Am Abend fand in Winnenden ein ökumenischer Trauergottesdienst statt, zu dem hunderte Menschen kamen, um der Opfer zu gedenken. Landesbischof Frank Otfried July sagte: "Sprachlosigkeit überfällt uns am Abend dieses blutigen Tages".

 

Erinnerungen an den Amoklauf in Erfurt

Das Schulzentrum, in dem auch die Albertville-Realschule untergebracht ist, wird von insgesamt 1.000 Schülern besucht. Winnenden liegt circa 20 Kilometer von Stuttgart entfernt. Es hat rund 27.600 Einwohner. Die Tat weckt Erinnerungen an den Amoklauf im Erfurter Johannes-Gutenberg-Gymnasium, bei dem im April 2002 der 19-jährige Robert Steinhäuser an seiner ehemaligen Schule zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin sowie einen Polizisten erschoss. Anschließend tötete er sich selbst. (Birgit Baumann, APA/red, DER STANDARD Printausgabe 12.3.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Amoklauf löste bundesweit Entsetzen aus

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Untersuchungen nach dem Schusswechsel vor einem Autohaus in Wendlingen bei Stuttgart

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Luftbild des Schulkomplexes mit der Albertville Realschule

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Schulgelände wurde vollkommen evakuiert

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Beamte suchen das Gelände ab

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Polizei hat die Region großräumig abgesperrt

Share if you care.