Von Frankreich nach Japan in sechzig Tagen

10. März 2009, 19:18
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In Frankreich sind Frachter mit hochradioaktivem Brennstoff nach Japan ausgelaufen

Eine so schwere Atomfracht wurde noch nie über die Weltmeere gefahren: Der Frachter Pacific Heron transportiert 20 Tonnen Mischoxid-Brennstoff von Europa nach Japan. Zwei Lastwagenkonvois hatten das radioaktive Material aus der Wiederaufbereitungsanlage Melox in der Provence unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen in den nordfranzösischen Hafen Cherbourg gebracht. Von dort aus stach der mit zwei 30-Millimeter-Kanonen bestückte Frachter Ende vergangener Woche in See. Als Eskorte folgt ihm ein weiteres Schiff, die Pacific Cortail. An Bord sind britische Sicherheitsleute. Die gesamte Fracht, die zwei Monate auf den Weltmeeren unterwegs ist, steht unter ständiger Satellitenüberwachung.

Die Route ist streng geheim. Experten schließen aus, dass sie auf kürzestem Weg durch den geopolitischen Flaschenhals des Suezkanals und vorbei an der somalischen Piratenküste führen wird. Wahrscheinlicher ist der Seeweg um Afrika herum.

Japan verwendet Mox weiter

Der französische Atomkonzern Areva, der die atomaren Abfälle in der Provence zur Wiederverwendung aufbereitet hatte, spricht von einem "normalen Transport" von Mischoxid (Mox). Dabei handelt es sich um abgebrannte Uran-Brennstäbe, die unter Zugabe von ungefähr sechs Prozent Plutonium neu "geladen" werden. Japan muss seine Atomabfälle dank dieses Verfahrens nicht endlagern, sondern kann sie in Takahama in Form der 20 Tonnen Mox eine zweites Mal verwerten. Diese Menge liefert laut Areva ein Jahr lang Strom für 3,5 Millionen Japaner.

Greenpeace rechnet allerdings anders: In dem Mox befänden sich 1,8 Tonnen hochgefährliches Plutonium. "Das ist genug spaltbares Material für 225 Atombomben", erklärte Yannick Rousselet, Sprecher von Greenpeace France. "Areva verschweigt den Umstand, dass das Plutonium aus sogenannten zivilen Reaktoren zu militärischen Zwecken verwendet werden kann." Greenpeace schrieb deshalb an IAEA-Direktor Mohamed ElBaradei, der aktuelle Atomtransport stelle ein "Proliferations-Risiko" für den asiatischen Raum dar. Areva-Sprecher Christophe Neugenot bezeichnet es als "zumindest sehr schwierig, wenn nicht unmöglich", Plutonium aus dem Mox zu lösen und in atomaren Sprengstoff zu verwandeln: "Das könnte kaum militärische Qualität haben."

Den Umweltschützern von Greenpeace ist der lange Transport über die Meere trotzdem nicht geheuer. Er durchquert Territorialgewässer von Staaten, die nicht einmal im Voraus informiert werden, und würde einem massierten Angriff nicht widerstehen. Studien hätten gezeigt, dass ein einziger Artillerieschuss durch Terroristen genügen würde, die Schutzwände des Frachters zu durchbrechen und die radioaktive Materie freizusetzen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD; Printausgabe, 11.3.2009)

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    Der Frachter Pacific Heron transportiert 20 Tonnen Mischoxid-Brennstoff von Europa nach Japan.

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