Sorge um die friedlichen Riesen

10. März 2009, 18:29
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In Afrika werden sie erschossen, gebraten oder von Krankheiten dahingerafft: Um auf die Situation der Gorillas aufmerksam zu machen, hat die Unesco das Jahr 2009 zum "Jahr des Gorillas" deklariert

Undurchdringliches Dickicht, feuchte Luft vom letzten Regen. Die Wildhüter kommen nur mühsam voran, die Touristen im Schlepptau. Plötzlich ein Rascheln. Nur wenige Meter entfernt thront ein Berggorilla-Weibchen hinter einem niedrigen Gebüsch, im Schoß ein Baby. Unbekümmert lässt sich das Tier bestaunen. Bis zu 500 Euro zahlen Urlauber im Virunga-Nationalpark im Grenzgebiet von Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo für einen solchen Augenblick. Gorilla-Foto-Safaris sind sehr begehrt. Aber die Führungen könnten in wenigen Jahren der Vergangenheit angehören.

Denn die Gorillas sind gefährdet. Die Menschenaffen stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten, drei der fünf Gorilla-Arten sind vom Aussterben bedroht. Vom Cross-River-Gorilla, der im Grenzgebiet zwischen Kamerun und Nigeria lebt, existieren nur noch knapp 300 Tiere. Und die Population der Berggorillas, bekannt durch den Film "Gorillas im Nebel" , der von der Freiland-Forschung der Amerikanerin Dian Fossey in den Sechzigerjahren erzählt, gibt es gerade noch 700. Zusammen mit mehreren internationalen Artenschutzorganisationen hat die Unesco daher das Jahr 2009 zum "Jahr des Gorillas" erklärt. Mit der Aktion soll auf die besonderen Schwierigkeiten beim Schutz der bedrohten Menschenaffen hingewiesen werden.

Die Gründe für deren Sterben sind vielfältig: "Das größte Risiko für alle Primaten ist der Verlust ihrer Lebensräume" , sagt der Primatologe Bernard Wallner vom Department für Anthropologie an der Universität Wien. Weil die Bevölkerung wächst, nehmen Rodungen der Regenwälder zu. Durch den vermehrten Kontakt mit Menschen wächst zudem das Risiko, dass sich die Gorillas mit Krankheiten anstecken. In den vergangenen Jahren rafften Ebola und Grippe hunderte Tiere dahin.

"Auch der Wilderei fallen noch immer viele Tiere zum Opfer" , sagt Wallner. Für die Wilderer ist ihr Geschäft äußerst lukrativ: Die fast 1,80 Meter großen Gorillas wiegen bis zu 200 Kilogramm - das ist viel Fleisch für den Preis einer einzigen Gewehrkugel. Weil sich einem Aberglauben zufolge die Stärke der Tiere beim Verzehr ihres Fleisches auf den Menschen überträgt, wird das sogenannte "Bushmeat" der Menschenaffen entsprechend teuer verkauft. Die Tierschutzorganisation "Pro Wildlife" schätzt, dass jedes Jahr rund 2000 Gorillas als Räucherfleisch auf lokalen Märkten landen.

Gefahr im Nationalpark

Die Berggorillas im Virunga-Nationalpark, in dem etwa die Hälfte der gesamten Population versammelt ist, hatten es zuletzt besonders schwer. Zwar gibt es hier Ranger, die versuchen, sie vor Wilderern zu beschützen. Aber das Grenzgebiet von Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo wird seit Jahrzehnten von gewalttätigen Auseinandersetzungen heimgesucht. Gerade der rohstoffreiche Osten des Kongos ist immer wieder in blutige Konflikte verwickelt. Die Region ist reich an dem Erz Coltan, das für den Bau von Handys und Laptops benötigt und entsprechend hoch gehandelt wird. Illegal in den Weltmarkt eingeschleust, bringt es genug ein, um Waffen zu kaufen, mit denen wiederum neue Minen erobert werden können, sagt Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.

"In einer solchen Situation ist es schwierig, genügend Ressourcen für professionellen Artenschutz zur Verfügung zu stellen" , sagt auch Primatologe Wallner. Im vergangenen Winter waren die Gefechte zwischen dem Rebellenführer Laurent Nukunda, den verfeindeten Kämpfern der Maji-Maji-Milizen und der kongolesischen Armee derart heftig, dass die 240 Wildhüter aus dem Nationalpark fliehen mussten.

Die Menschenaffen waren den Rohstoffräubern schutzlos ausgeliefert. Und diese haben bereits mehrmals gezeigt, dass sie auf die bedrohten Riesen wenig Rücksicht nehmen: 2007 erschossen sie eine zehnköpfige Gorilla-Familie, das sollte die Wildhüter einschüchtern.

Aktuell hat sich die Situation entspannt: Rebellenführer Laurent Nukunda ist inzwischen gefasst, die Ranger sind wieder in den Virunga-Nationalpark zurückgekehrt. Mit Gewehren bewaffnet, ziehen sie nun wieder ihre Runden durch den Wald. Sie zählen die Nester der Berggorillas, notieren Zahl und Größe der Gorilla-Familien. Und haben das erste Mal seit langem Positives zu berichten: Keines der Tiere ist während der Kämpfe der vergangenen Monate ums Leben gekommen. Im Gegenteil: Die Berggorillas haben Nachwuchs bekommen: Sieben Babys sind geboren worden.

Für Bernard Wallner ist die gute Nachricht aber nur ein kurzfristiger Erfolg: "Um die Gorillas langfristig zu retten, muss sich der Artenschutz vor Ort stark verbessern. Ein ,Jahr des Gorillas‘ auszurufen, wird hier allein nicht reichen." (Tanja Krämer/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2008)

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    Die Augen des Berggorillas: Die Tiere waren zuletzt aufgrund von gewalttätigen Auseinandersetzungen im Grenzgebiet zwischen Uganda, Ruanda und dem Kongo gefährdet.

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