Falsche Schuldzuweisung

10. März 2009, 18:21
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Die scharfen Worte aus Washington haben Tradition - von Eric Frey

Die jüngste Kritik der US-Regierung, allen voran von Präsident Barack Obama, am ihrer Meinung nach zu zögerlichen Vorgehen Europas gegen die Krise mag viele verwundert haben, die sich vom US-Machtwechsel das Ende aller transatlantischen Konflikte erwartet haben. Die scharfen Worte aus Washington aber haben Tradition. Seit 30 Jahren fordern US-Politiker bei jeder Rezession von den Europäern entschlossenes Handeln, und weisen ihnen - vor allem den Deutschen - dann die Schuld zu, wenn sich die Wirtschaft nicht so schnell erholt wie erhofft.

Diesmal wirkt die Kritik besonders unpassend - nicht nur, weil die Weltfinanzkrise von den USA ausgegangen ist. Wichtiger ist, dass der Beinahekollaps der US-Wirtschaft nur wenig mit Europa zu tun hat. Während Österreich und Deutschland unter dem Wegbrechen ihrer Exportmärkte leiden, trägt in den USA die katastrophale Binnennachfrage die Hauptschuld an der Misere. Ob und wann sich die US-Wirtschaft wieder erholt, hängt vom Erfolg der Obama-Programme und von der Rückkehr des Vertrauens bei den Amerikanern ab, nicht von Europas Konjunkturpaketen.

Eine international abgestimmte Wirtschaftspolitik gilt stets als positives psychologisches Signal. Deshalb ist zu hoffen, dass am G-20-Gipfel im April konkrete gemeinsame Maßnahmen verkündet werden. Aber auch noch so viel demonstrative Geschlossenheit wird die Krise nicht beenden. Dafür müssen Amerikaner und Europäer - die Letzteren sehr wohl einheitlich - ihre Hausaufgaben selbst erledigen. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2009)

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