"Asylwerbern wird nichts geglaubt"

10. März 2009, 18:20
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Großfamilie aus Tschetschenien wartet weiter auf Befragung - Kritik von "Asyl in Not"

Zum dritten Mal innerhalb weniger Tage packte die 35-jährige Rosa C. am Montag ihre sieben Kinder zusammen, um mit ihnen mit dem Zug von Peggau bei Graz nach Traiskirchen zu fahren. Ihr jüngster Sohn ist ein Jahr alt und bekam während der Reise Fieber. In Traiskirchen angekommen sagt man der Frau, sie solle am 13. März wiederkommen, dann werde die Familie zu ihrem neuen Asylantrag interviewt. Wie DER STANDARD berichtete, stellte die Familie erneut einen Antrag, nachdem ein Abschiebeversuch der Polizei vor zwei Wochen gescheitert war. Die Mutter wurde ohnmächtig, als Polizisten vor Sonnenaufgang in ihr Quartier kamen, ihre 14-jährige Tochter C. verlor die Nerven und wollte sich umbringen. (Sie hatte als Kind die Ermordung von Verwandten durch Polizisten mitangesehen.)

Wenn die Familie es bis vor den Asylgerichtshof schafft, rechnet sich Judith Ruderstaller von der Organisation Asyl in Not, eine "Chance von 50 zu 50" für sie aus, bleiben zu dürfen. Denn dass der Vater in Polen, also in dem EU-Land, in dem sie zuerst um Asyl ansuchten, Morddrohungen erhalten haben soll und mehrere Familienmitglieder als traumatisiert gelten, heißt nicht, dass die Familie - nach der Dublin-Verordnung - nicht erneut nach Polen abgeschoben wird. "Es ist ein generelles Problem, dass Asylwerbern in Dublin-Fällen einfach nichts geglaubt wird" , kritisiert Ruderstaller, "aus rein formalen Gründen befragt man sie etwa zu ihrem Familienleben, um ihnen dann zu sagen, dass ihr Familienleben irrelevant ist" .

Auch psychologische Gründe seien vor dem Bundesasylamt nichts wert, glaubt Ruderstaller: "Alle Tschetschenen, die ich kenne, werden von jedem Psychologen im Land als traumatisiert diagnostiziert, nur in Traiskirchen gelten sie als gesund" . Auch Suizidgefahr sei kein Argument gegen eine Abschiebung.

"Folter zählt nicht"

Zudem beobachte die Juristin in letzter Zeit "eine dramatische Verschlechterung der Judikatur bezüglich des Artikels drei der Europäischen Menschenrechtskonvention" , also beim Verbot von Folter und unmenschlicher oder herabwürdigender Strafe oder Behandlung: "Dass fast alle tschetschenischen Männer in der Heimat gefoltert wurden, zählt nicht."

Für Ruderstaller grenzt der Umgang mit Tschetschenen in Österreich an "Hetze" . Dabei seien sie meist "sehr gut integriert und unglaublich schnell im Deutschlernen" . Im Falle von C bekräftigt das ihr Klassenlehrer an der Hauptschule Deutschfeistritz: C. sei "ein ganz nettes, intelligentes, fleißiges Mädchen, das sich in die Klassengemeinschaft ganz toll eingefügt hat." Und das, obwohl sie nach mehreren Ortswechseln innerhalb Österreichs seit 2006, erst im Herbst 2008 in seine Schule kam. Ihren Mitschülern ist sie jedenfalls so ans Herz gewachsen, dass diese mit dem Lehrer eine Petition verfassten, in der sie darum bitten, "dass C. in Österreich bleiben darf". (Colette M. Schmidt, DER STANDARD; Printausgabe 11.3.2009)

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