Bildungsexperte: "Andere Fragen sind dringender"

13. März 2009, 12:39
309 Postings

Wolfgang Horvath meint, dass die Diskussion über die Zwei-Stunden-Erhöhung von wirklich wichtigen Bildungsfragen ablenkt

Die hitzige Debatte rund um die Lehrerarbeitszeit lenkt von wichtigeren Fragen im Bildungswesen ab, sagt Wolfgang Horvath, Bildungswissenschafter an der Uni Wien. So seien etwa die bereits unter Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und nun von ihrer Nachfolgerin Claudia Schmied angedachten Bildungsstandards "ein größerer" Eingriff in die Autonomie der Lehrerschaft. Über das Phänomen "Teaching to the Test", Lehrer-Auswahlverfahren und die Normierung der Pädagogik sprach Horvath mit derStandard.at. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Die Gewerkschaft ist, was die mögliche Erhöhung der Lehrerarbeitszeit betrifft, sehr streitlustig. Als die Bildungsstandards verkündet wurden, war sie vergleichsweise ruhig. Was ist eigentlich ein größerer Eingriff in die Autonomie der Lehrerschaft?

Horvath: Ein größerer Eingriff sind die Bildungsstandards, wobei in der Literatur immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die Bildungsstandards die Autonomie der Schulen und LehrerInnen stärken soll. Trotzdem glaube ich, dass die Standardisierung des Outputs eigentlich eine Beschneidung der Autonomie bringen wird.

derStandard.at: Wenn ganz bestimmte Schülerleistungen gemessen werden, heißt das auch, dass der Unterricht standardisiert wird? Gehen alle LehrerInnen dann gleiche Wege, um gewisse Ziele bei den SchülerInnen zu erreichen?

Horvath: Im deutschsprachigen Raum haben wir nicht sehr viel Erfahrung mit der output-messenden Systemevaluationen. Wir können nur in Bildungslandschaften schauen, in denen das schon seit einiger Zeit betrieben wird, etwa im anglo-amerikansichen Raum. Man kann nicht hieb- und stichfest sagen, dass das berühmte "Teaching to the Test" eintritt. Das kann eintreten, muss aber nicht. Die Gefahr, dass "Teaching to the Test" betrieben wird und somit Bildungsaufgaben vernachlässigt werden, wie etwa die Vermittlung von sozialer Kompetenz, ist immer dann gegeben, wenn die Testergebnisse konkrete Auswirkungen auf die Schulen haben. In einzelnen US-amerikanischen Bundesstaaten geht das so weit, dass Schulen geschlossen werden.

So wie die Bildungsstandards bei uns gedacht sind, dienen sie als Rückmeldungsinstrument an die Politik, rigorose Maßnahmen sind meines Wissens nicht in Planung.

derStandard.at: Das kann so bleiben, muss aber nicht.

Horvath: Das ist der Punkt. Es würde schon auch in der Logik dieses Systems liegen. Es muss nicht heißen, dass nur mit Sanktionen gedroht wird. Es könnte sich auch zum Positiven wenden. So könnte Schulen, die über einen längeren Zeitraum negative Ergebnisse bringen, Unterstützung angeboten werden.

derStandard.at: Welche Auswirkungen hat diese Leistungsmessung auf die Lehrer? Einerseits heißt es, die Lehrer sollen an ihren Leistungen gemessen werden, andererseits sprechen sicher auch Argumente dagegen?

Horvath: Eines der gewichtigsten Gegenargumente ist, dass die Standardisierung eine Normierung des didaktisch-methodischen Vorgehens bringen kann und dabei etwa die Nicht-Standardisierbarkeit des professionellen pädagogischen Handelns unter den Tisch fällt. Standardisierte Modelle beantworten nicht die Frage nach einem professionellen pädagogischen Rollenverständnis.

derStandard.at: Auch Lehrer-Auswahlverfahren sollen eingeführt werden. Werden dann nur mehr bestimmte Typen von Menschen für den Lehrerberuf zugelassen?

Horvath: Wenn man sich darauf einigt, dass das institutionalisierte pädagogische Lehren im Bereich der sozialen Berufe angesiedelt und vielleicht sogar eine Dienstleistung ist, dann kann man sich im nächsten Schritt darauf einigen, welche Anforderungen LehrerInnen erfüllen sollen. Man könnte sagen, Menschen, die in diesen Beruf gehen wollen, sollten zumindest Anlagen haben, damit bestimmte Kompetenzen gefördert werden können. Plumpe Anforderungskriterien hingegen verkürzen die Diskussion um einiges.

derStandard.at: Sie sagten, die Diskussion soll entschleunigt werden. Wie beurteilen Sie die Bildungsreform? Ist Ministerin Schmieds Aufbruch zu radikal?

Horvath: Ich glaube nicht, dass der Aufbruch zu radikal ist, aber ich glaube, dass man bei der überbordenden Hoffnung, alle Probleme ein für alle mal schnell lösen zu können, Abstriche machen muss. Verbesserungen in Schulsystem sind Prozesse, die über Jahrzehnte laufen. Von heute auf morgen geht das nicht. Die Erwartung, dass sich in eigenen Jahren groß etwas ändern kann, müssen gedämpft werden.

derStandard.at: Was halten Sie von Schmieds Vorstoß, dass Lehrer zwei Stunden mehr unterrichten sollen?

Horvath: Ich glaube, dass andere Fragen dringender sind. Das sind durchaus Fragen, die die Gewerkschaft des öfteren betont hat. So muss man zum Beispiel für Lehrende in den Schulen annehmbare Arbeitsplätze schaffen. Wenn es heißt, Lehrer müssen zwei Stunden mehr unterrichten, bedeutet das wesentlich mehr Arbeit für die Lehrer. Der Einwurf der Gewerkschaft ist also nicht so verkehrt.

derStandard.at: Noch einmal zurück zur Eingangsfrage: Warum reagiert die Gewerkschaft kaum auf die Bildungsstandards? Angesichts der Ausführungen, die man aus der Fachliteratur kennt, müsste das doch größere Debatten auslösen.

Horvath: Ich wundere mich schon darüber, dass dieser Paradigmenwechsel in der Steuerung des Schulsystems in der Öffentlichkeit nicht heftiger diskutiert wird. Es könnte sich aber auch zeigen, dass die Strategie, wie Bildungsstandards etabliert werden sollen, relativ gut aufgegangen ist. Diese Strategie wurde von der vormaligen Ministerin Gehrer begonnen und wird von Ministerin Schmied fortgeführt. Das hat mit Entwicklungen zu tun, die von aller höchster Stelle, also von EU und OECD, gewünscht sind.

derStandard.at: Glauben Sie, dass wir durch die Zwei-Stunden-Erhöhung von wichtigen Debatten abgelenkt werden?

Horvath: Ja, das glaube ich in der Tat.

derStandard.at: Bildung, sagten Sie, kann man als Dienleistung sehen. Als was kann man sie noch sehen?

Horvath: Bildung als Dienstleistung zu definieren, führt uns zum Thema "Ökonomisierung der Bildung". Sieht man Bildung als Dienstleistung, werden Interessen der Wirtschaft verhandelt. Bildung kann man aber auch als Menschenrecht sehen. Damit sind auch andere Interessen verbunden. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 13. März 2009)

Zur Person

Wolfgang Horvath, Jahrgang 1972, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft
LehrerInnenbildung und Professionalisierungsforschung.

  • Bildungswissenschafter Wolfgang Horvath:"Ich wundere mich schon darüber, dass dieser Paradigmenwechsel in
der Steuerung des Schulsystems in der Öffentlichkeit nicht heftiger
diskutiert wird."
    foto: privat

    Bildungswissenschafter Wolfgang Horvath:"Ich wundere mich schon darüber, dass dieser Paradigmenwechsel in der Steuerung des Schulsystems in der Öffentlichkeit nicht heftiger diskutiert wird."

Share if you care.