Ein delikater Dialog der Kontrapunkte

10. März 2009, 17:47
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Thomas Quasthoff in den Tiefen seiner Stimme

Wien - Womöglich wurde der Musikverein vor allem wegen Thomas Quasthoff gestürmt. Und zweifellos ist es immer wieder ein Erlebnis, den deutschen Bassbariton in die Tiefen seiner Stimme abtauchen wie auch in deren lichte Höhen emporsteigen zu hören. Zudem: So viel dramatischen Furor und so viel Klangfülle und Eleganz bei der Behandlung von Phrasen zwischen Bach und Händel - all dies lässt Quasthoff nach wie vor als Resident jener interpretatorischen Regionen erscheinen, in die nur wenige vordringen.

Die wahre Magie dieses Abends rührte allerdings von der Tatsache her, dass die Berliner Barock Solisten jederzeit befähigt waren, dem Kollegen in diese Regionen zu folgen. Und dort nicht bescheiden in der Rolle der Assistenten verharrten, die nur Dienst nach Vorschrift verrichten. Das Kammermusikkollektiv, bestehend aus Berliner Philharmonikern, blieb auch als Animator jener selbstbewusste, individuell formidabel besetzte Partner, der geschmeidig auf jedwede Situation reagiert; also Lautstärke zurücknimmt, um Intimität zu erzeugen. Aber auch akzentstark aufbegehrt. Je nach Bedarf.

So konnte man auch erleben, wie hier Individuen zu einem Instrument verschmelzen oder sich zu kontrapunktischen Formationen aufsplittern. Und: Wiewohl hier im Geiste des Originalklangs schlank agiert wird, dominiert doch der Wunsch, das musikalische Material abseits aller Dogmen zu gestalten. Da sind dann grimmig-fahle Linien ebenso möglich (bei Händels Rezitativ und Arie aus "Messiah (For behold - The people that walked)" wie auch große Klangfülle (Bachs Ricercare aus dem "Musikalischen Opfer") und ein diskreter, aber doch bewusster Vibratoeinsatz.

Von alledem profitierte Quasthoff. Aber alles beruhte auch auf Gegeseitigkeit. Diese auf CD erprobte Liason besteht auch in der realen Situation eines Konzertes ohne Substanzverlust. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 11.03.2009)

 

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