Forscher warnten beim dreitägigen Kongress in Kopenhagen vor dramatischen Veränderungen durch die Erwärmung
Kopenhagen - Aktuelle Studien weisen laut Klimaforscher darauf hin, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um einen Meter oder mehr ansteigen wird. Mit dieser alarmierenden Ankündigung hatte am Dienstag ein dreitägiger Forscherkongress zur Vorbereitung der großen UN- Klimakonferenz Ende des Jahres in Kopenhagen begonnen.
In der Schlusserklärung des dreitägigen Treffens hieß es: "Neue Erkenntnisse
zeigen, dass alle Gesellschaften schon von geringen Klimaveränderungen
empfindlich getroffen werden." Besonders hohe Risiken hätten arme Länder zu
tragen. Temperaturanhebungen von mehr als zwei Grad seien für Gesellschaften
unserer Zeit "nur sehr schwer zu verkraften".
Aus den Ergebnissen des Treffens mit 2.000 Wissenschaftern soll bis Juni ein
30-Seiten-Papier über den aktuellen Stand der Klimaforschung erstellt werden. Die UN-Klimakonferenz wird von 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen stattfinden. Dabei soll als Nachfolger des Kyoto-Protokolles ein weltweites neues
Abkommen zur Verringerung der Treibhausgase beschlossen werden, die als
wesentliche Ursache der Klimaerwärmung gelten.
Bereitschaft
Zum Abschluss des Fachtreffens wurde am Donnerstag neben den wesentlich härteren Auswirkungen der Erderwärmung aber auch die Handlungsbereitschaft festgehalten. "Es finden sich einfach keine Entwarnungslampen mehr. Die Botschaft der
Wissenschaft ist so eindeutig, dass es für die Politik keine Ausrede mehr gibt", so der Potsdamer Physiker Hans Joachim Schellnhuber. Er sehe trotz der Wirtschaftskrise eine breit gewachsene Bereitschaft in der
Politik zum Handeln: "Der ganze Skeptikerkram ist weg."
Neue Beobachtungen
Als wichtigsten Grund für die drastische Anhebung bisheriger Schätzungen nannte der australische Klimaexperte John Church das Vorliegen neuer umfassender Satelliten- und Bodenbeobachtungen. Sollte der Meeresspiegel sich in den kommenden 90 Jahren tatsächlich um einen Meter heben, würde dies die Wohngebiete von zehn Prozent der Erdbevölkerung "hart treffen", hieß es in Kopenhagen.
Church meinte, bei einem Eintreffen dieses Szenarios wären bisher als "Jahrhundertflut" eingestufte Überschwemmungskatastrophen mehrmals pro Jahr zu befürchten. Er sagte weiter: "Wenn wir nicht umgehend und massiv Schritte zur Begrenzung der Probleme ergreifen, könnte das Klima im 21. Jahrhundert eine Grenze überschreiten, nach der die Welt auch Erhöhungen des Meeresspiegels um mehrere Meter ausgesetzt werden kann."
Klimaflüchtlinge
Der britische Ökonom Lord Nicholas Stern erklärte, sein 2006 mit düsteren
Prognosen weltweit beachteter Klimawandel-Report habe sich durch neue
wissenschaftliche Erkenntnisse noch als "zu optimistisch" erwiesen. Man müsse
jetzt der Welt "nicht nur die Folgen von zwei Grad Erwärmung erklären, sondern
laut und deutlich sagen, was fünf Grad bedeuten". Zu den Folgen würden unter
anderem mehr als eine Milliarde Klimaflüchtlinge gehören. Dennoch sei er mit
Blick auf die Kopenhagener UN-Klimakonferenz im Dezember optimistischer als vor
zwei Jahren: "Die Wissenschafter arbeiten gut, nachhaltige Technologien
entwickeln sich rasant, und wir bekommen immer mehr Selbstverpflichtungen von
Staaten."
Der britische Klimaforscher Terry Barker von der Universität Cambridge meinte,
die derzeitige Krise sei keine Gefahr für die Klimapolitik, sondern ein "Anschub
genau zum richtigen Zeitpunkt". Nationale Investitionsprogramme mit "grünem
Profil" wie durch US-Präsident Barack Obama müsse es in allen Ländern geben.
Erforderlich sei eine globale Koordinierung solcher Programme. Auch Stern hob
positiv hervor, dass die Krise durch staatliche Förderprogramme "gigantische
Investitionsmöglichkeiten für eine grüne Infrastruktur" eröffne. (APA/dpa)