"Was, Papi - du auch hier?"

10. März 2009, 17:23
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Christoph Schlingensief erarbeitet eine "ReadyMadeOper" namens "Mea Culpa" für das Burgtheater

Eine Träumerei über Krankheit und Tod: Ein Bericht von den laufenden Proben.

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Wien - Der Regisseur und Installationskünstler Christoph Schlingensief (48) probt seine "ReadyMadeOper" "Mea Culpa" im Wiener Arsenal: Sie soll am 20. März Burgtheater-Premiere haben. Der Apothekerssohn aus Oberhausen, als Nichtraucher an einer seltenen Form des Lungenkrebses erkrankt, hat sich selbst zum Theaterthema erkoren. Er knüpft mit seiner aktuellen Revue an seine vielfach belobigte Ruhrtriennale-Produktion von 2008 an: "Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir."

Der Kirchenvater mit dem bürstengrauen Haar sitzt im abgedunkelten Raum. Vor ihm steht ein ungewöhnlich langer Regie-Tisch: Eine Heerschar von Assistentinnen bemüht sich, seinen nie unfreundlich ins Mikrofon gerufenen Anweisungen möglichst prompt Folge zu leisten.

Schlingensief ist der mildeste Proben-Despot, der sich denken lässt. Wenn sich eine greisenhafte Sängerin (Elfriede Rezabek), die "Isoldes Liebestod" im roten Lurex-Kleid unendlich berührend zum Besten gibt, auf der Drehbühne trippelnd verirrt, verlangt er sofort die Bereitstellung eines Sessels: "Hallo, wo sind die Aktentaschenträger?" Der Korrepetitor greift bereits in die Tasten. "Diese Person" , so Schlingensief mit Blick auf die würdige Dame, "muss beschützt werden! Die ist 200-mal älter als ihr alle zusammen!" Frau Rezabek wird großzügig umsorgt.

Schlingensiefs Kapermethode annektiert Kunstgebiete wie Fluxus oder Joseph Beuys, um über den Gegenwartsmenschen, über "dich und mich" ebenso gültige wie bestürzende Aussagen zu treffen. Schlingensief ist ein Verwertungskünstler. Er erhebt sich selbst zum Thema, aber er möchte darum noch kein Erlöser sein. Schlingensief, der Selbstdarsteller, zeigt, was es heißt, mit Haut und Haaren an die Prominenz-Maschine angeschlossen zu sein.

Kunst der "Eigenliebe"

Es ist daher ein Kreuz mit der Eigenliebe des begabten Bürgerkindes (Schlingensief ist ein bekennender, ein brennender Katholik!). Das begabte, verhaltensauffällige Kind behauptet eine Autonomie, die ehedem dem Berufskünstler als romantisches Erbe zuteil war. Der gelernte Filmemacher Schlingensief, der noch als längst durchgesetzter Theaterkünstler auf den Pflasterstrand auswich und begabte, prekäre Menschen und solche mit "besonderen Bedürfnissen" zum Mittun aufforderte, wies aber auch stets auf die Kosten von "Popularität" hin.
Schlingensief inszenierte in Bayreuth 2005 den "Parsifal". Seither bewegt er sich in Wagner'schen Halbtonschritten durch einen Kosmos, der die Grenzen der eigenen Leidensfähigkeit tief hinein ins Land der Träume und Zitate verschiebt: Verklärung und Tröstung inbegriffen. Übrig bleibt der unverschämt vitale Bastel-Gestus eines Autodidakten, der Yoko Ono oder Brachialmaler Jonathan Meese stets auf Augenhöhe begegnet.

Schlingensief hat mit Mea Culpa die zweite Stufe einer Rakete gezündet: Er, bei dem die bildenden mit den Popularkünsten auf der Bühne Hochzeit halten, erzählt über das eigene Sterben. Er tut dies gefasst, gut gelaunt und bewunderungswürdig offensiv. Auf der Probebühne im Arsenal dreht sich eine Art Himmel: Ein Chor summt bei Bedarf Ausschnitte aus Bachs h-Moll-Messe. Die Spieldosenmusiken des New Yorker Straßenmusikanten Moondog summen und rieseln wie Engelsstaub.

An der Rampe plagt sich Joachim Meyerhoff, das Manuskript in der Hand, als Schlingensief-Darsteller gerade mit der Darstellung eines besonders schwer zu beschreibenden Zustandes herum: Er steht mit jeweils einem Bein fest verankert im Dies- und im Jenseits.

Er begegnet seinem Papa (Schlingensiefs Apothekervater in Oberhausen): "Was, Papi, machst du denn hier?" - Der würdige Greis ist um Antwort nicht verlegen: "Ich kann dir sagen: von Erlösung keine Spur!" Erlösung sei nämlich ein "einsames Geschäft". "Es ist zum Verzweifeln. Hier kann man sich nicht umbringen." Vater und Sohn einigen sich schließlich darauf, dass sie viel lieber im realen Leben erlöst würden, als im Jenseits mühselig verklärt zu werden.

Schlingensief nimmt sich nach Probenende Zeit für Fragen. Sein Stück sei dreigeteilt: "Am Anfang kann man noch gar nicht von einem Jenseits reden. Es geht um Ayurveda, um Wellness-Kuren - um Menschen, die es sich für viel Geld richtig gutgehen lassen." In einer zweiten Stufe beträten die Figuren, darunter Stars wie die Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann in der Rolle der Gudrun Wagner, "eine Art Klingsor-Reich" (die Rede ist vom zweiten Akt des "Parsifal").

Der Künstler ist schmal geworden, fragil und sanft. Er spricht davon, wie die Menschen Schuld anhäufen würden, bloß weil sie krank seien: "Welche Art der Haftung müssen wir für unser Leben übernehmen?" Im dritten Bild fahren die Menschen, darunter "Schlingensief", in den Himmel auf. Erlösung verbürgt die Kunst. Isolde, die Liebende, stirbt für uns alle. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 11.03.2009)

  • Mit dem Mikrofon auf dem Regie-Sessel: Christoph Schlingensief
überführt seine Krankheit in die Gefilde der darstellenden Künste.
    foto: soulek

    Mit dem Mikrofon auf dem Regie-Sessel: Christoph Schlingensief überführt seine Krankheit in die Gefilde der darstellenden Künste.

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